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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krisen & Kampfzonen

Ob mir nicht viel­leicht etwas zum The­ma Kri­sen & Kampf­zo­nen ein­fie­le, wur­de ich von der Her­aus­ge­be­rei gefragt. Mein erster Gedan­ke dazu war gar nicht von mir, son­dern von einem unbe­kann­ten Den­ker: »Es gibt kei­ne dum­men Fra­gen, nur dum­me Antworten.«

Natür­lich fällt mir was zum The­ma Kri­sen ein – ich krie­ge doch seit Wochen eine nach der ande­ren. Und zwar in der Kampf­zo­ne »kul­tu­rel­le Aneig­nung«. Jetzt sol­len die Fri­su­ren von Musi­kern schon wie­der eine Rol­le spielen.

Fri­su­ren. Im Jahr 2022.

Im Jahr 1969 war ich neun­zehn. Und hat­te mich, nach abge­bro­che­ner Gym­na­si­al­zeit, abge­bro­che­ner Leh­re und einer spon­tan hin­ge­wor­fe­nen Kar­rie­re in der Hotel­bran­che end­gül­tig ent­schie­den: Ich woll­te Musi­ker sein. Ich wür­de Musi­ker sein.

Rock­star, genau­er gesagt. Und so sah ich auch sehr schnell aus. Ich hat­te nicht nur bereits fünf Jah­re damit ver­bracht, ein Instru­ment zu ler­nen, son­dern auch zwei Jah­re, mir die Haa­re wach­sen zu las­sen. Damals war es undenk­bar, mit dem gewohn­ten Façon­schnitt auf eine Büh­ne zu klet­tern und zum Bei­spiel Get off of my cloud oder It’s my life and I do what I want zu sin­gen. Und außer­dem: War es nicht mein Leben?

Nicht ganz, offen­bar. Bau­ar­bei­ter pfif­fen mir auf der Stra­ße hin­ter­her und nann­ten mich Susi, ande­re frag­ten mich, ob ich schwul sei, und bra­ve Fami­li­en­vä­ter schimpf­ten mich Gamm­ler und for­der­ten mich empört auf, doch »nach drü­ben« zu gehen. Womit sie weder die ande­re Stra­ßen- noch die ande­re Rhein­sei­te mein­ten, son­dern das, was sei­ner­zeit noch die Ost­zo­ne genannt wur­de. Ich wur­de defi­niert über die Län­ge mei­ner Haa­re. Und ja, sie waren lang, über­schrit­ten nicht nur die kri­ti­sche Bis-über-den-Kra­gen-Gren­ze, son­dern reich­ten mir bis zu Schul­ter­blät­tern und Brust­war­zen. Ein Skandal.

Der sich gele­gent­lich durch­aus zur Kampf­zo­ne aus­wei­ten konn­te. In einem Bus der Köl­ner Ver­kehrs­be­trie­be bei­spiels­wei­se, um elf Uhr abends. Ich hat­te gera­de mei­ne Freun­din nach Hau­se gebracht und war auf dem Rück­weg in die Innen­stadt. Noch sie­ben Sta­tio­nen. An der zwei­ten stie­gen vier Kegel­brü­der zu. In Hoch­stim­mung, weil sie etli­che Run­den intus hat­ten, in mie­ser Stim­mung, weil sie meh­re­re die­ser Run­den ver­lo­ren hatten.

Da kam ich ihnen gera­de recht.

»Och, guck mal, was ’ne hüb­sche Mitfahrerin!«

»Ach nee, das ist ja gar kein Mäd­chen – was ist, hat dein Fri­seur sich den Arm gebro­chen? Ha ha ha!«

In einer sol­chen Situa­ti­on hat man nur eine gerin­ge Aus­wahl an Optio­nen. Stumm vor sich hin­blicken und das Gan­ze aus­sit­zen, bis es ihnen lang­wei­lig wird (denen hier wür­de es so schnell nicht lang­wei­lig wer­den). Auf­ste­hen und an der näch­sten Sta­ti­on aus­stei­gen (aus dem letz­ten Bus des Abends?). Zum Bus­fah­rer gehen und um Bei­stand bit­ten (die­sen bei­fäl­lig in den Rück­spie­gel grin­sen­den Typen?). Ich ent­schied mich, mei­ner Lau­ne ent­spre­chend, für Opti­on vier (die Freun­din war spät dran gewe­sen, und der Abschied ent­spre­chend kurz und keusch ausgefallen).

»Nee, ich hab ihm den Arm gebro­chen«, sag­te ich also zu dem Kegel­bru­der, der neben mir stand und doch tat­säch­lich nach mei­nen Haa­ren griff. »Fin­ger weg!«

Na ja, um es kurz zu fas­sen – es hat­te sich mal wie­der gelohnt, dass ich mich seit fünf Jah­ren zwei Mal die Woche zum Trai­ning in einem Box­ver­ein gequält hat­te. Am Ende muss­te ich nur noch zwei Sta­tio­nen zu Fuß gehen, weil der Fah­rer gedroht hat­te, die Poli­zei zu rufen, wenn ich nicht sofort aus­stie­ge. Als schwu­ler sozia­li­sti­scher Gamm­ler auf einem Poli­zei­re­vier zu lan­den war nicht gera­de mei­ne Vor­stel­lung von amü­san­ter Abendgestaltung.

Ja, ich weiß: Von kul­tu­rel­ler Aneig­nung war bis­her noch gar nicht die Rede. Auf die Idee wäre damals wohl auch nie­mand gekom­men. Es wäre aber auch kei­nem Kon­zert­ver­an­stal­ter in den Sinn gekom­men, einen Auf­tritt abzu­bre­chen, weil ein paar beson­ders emp­find­li­che Leu­te im Publi­kum sich beim Anblick unse­rer Fri­su­ren »unwohl gefühlt« hätten.

Auf so etwas muss­te man dann noch fünf­zig Jah­re warten.

Der Auf­tritt einer wei­ßen Sän­ge­rin mit Rasta-Locken auf einem Rock­fe­sti­val (einem Fri­days-for-Future-Festi­val übri­gens) wird nach Pro­te­sten vom Ver­an­stal­ter abge­sagt. Ein Kon­zert in Bern wird abge­bro­chen, weil eini­ge der Musi­ker Dre­ad­locks tragen.

Wer pro­te­stiert da, und warum?

Sie nen­nen sich »woke«. »Woke«-Leute haben, nach eige­ner Defi­ni­ti­on, ein beson­ders geschärf­tes Bewusst­sein für Sexis­mus, Trans­feind­lich­keit und Ras­sis­mus. Ihrer Logik zufol­ge hat es zumin­dest einen Ruch von ras­si­sti­schem Ver­hal­ten, wenn man sich als Mit­glied einer Mehr­heit kul­tu­rel­le Ele­men­te einer Min­der­heit zu eigen macht. Wür­de ich mir Dre­ad­locks wach­sen las­sen, hät­te ich also mit denen ein Pro­blem. (Aller­dings nicht nur mit denen – mein erstes Pro­blem wäre, dass mir in mei­nem Alter nicht mal mehr ein Crew­cut wach­sen will.)

Hät­te ich es aber dar­auf ange­legt, mich mit denen anzu­le­gen, könn­te ich mir ein paar Mao­ri-Tat­toos ste­chen las­sen. Hät­te zudem den Vor­teil, dass Mao­ri-Tat­toos aus Sym­bo­len bestehen, mir also nicht wie man­cher bra­ven Haus­frau, der ich bei ALDI begeg­ne, das chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen für »146 – Ente süß-sau­er« im Nacken prangte.

Oder ich könn­te Gedich­te einer far­bi­gen Dich­te­rin über­set­zen. Oder ein Dreh­buch zu einem Film schrei­ben, in dem nur hete­ro­se­xu­el­le Wei­ße eine Rol­le spie­len. Oder mich erdrei­sten, ein Album mit Blues-Songs zu ver­öf­fent­li­chen. Bei einem näch­sten Auf­tritt einen Kaf­tan tra­gen. Mich wei­gern, end­lich aus­wen­dig zu ler­nen, was das Unge­tüm »LGBTQIA+« bedeu­tet, um das dann in jedem mei­ner Tex­te zu verwenden.

Das alles mögen sie auch nicht.

Nein, sie sind näm­lich »woke« – erwacht. Und »poli­tisch korrekt«.

Find ich toll.

Also, irgend­wie. Ein Stück weit.

Ich den­ke dar­über nach, in mich zu gehen, mich als das ras­si­sti­sche, ase­xu­el­len­feind­li­che Arsch­loch zu outen und zu gei­ßeln, das ich womög­lich bin. Ich den­ke dar­über nach, nach acht­und­fünf­zig Jah­ren als Bas­sist alles aus mei­nem Reper­toire zu strei­chen, was als kul­tu­rel­le Aneig­nung ver­stan­den wer­den könn­te – den Blues, den Rock’n Roll, den Jazz, die afri­ka­ni­sche Poly­rhyth­mik, die indi­schen Ton­lei­tern, die gre­go­ria­ni­sche Har­mo­nik, ja, den archai­schen Spaß am Musi­zie­ren über­haupt. Erst recht den am gemein­sa­men Musi­zie­ren mit Musi­kern aus aller Welt. Ich den­ke dar­über nach, dass ich mit mei­nem Instru­ment ohne all das eigent­lich gar nichts mehr anfan­gen kann – und mir statt­des­sen einen gro­ßen, run­den fla­chen Stein zu suchen, auf dem ich mit einem selbst­ge­schnitz­ten Ast­stück oder einem Kno­chen stur einen Vier­tel­takt schlage.

Hm. Ich den­ke aller­dings nur kurz dar­über nach. Mir fällt näm­lich ein, dass ich dann qua­si Tech­no spie­len wür­de – und das ist nun mal ganz und gar nicht mei­ne Musik, sorry.

Nein, Kin­ners, ich den­ke um. Nicht zuletzt, weil ich neu­lich erst pin­kelnd vor einem Auf­kle­ber stand, der zu »Kein Mit­leid mit der Mehr­heit!« auf­rief. Ich blei­be ein­fach, wie ich bin. Nein, ich stei­ge jetzt nicht auf Diät-Mar­ga­ri­ne um – ich blei­be, wer ich bin, und den­ke, wie ich den­ke. Ich wer­de wei­ter­hin mei­ne deut­li­che Mei­nung zu Ras­sis­mus, Sexis­mus, Faschis­mus, Natio­na­lis­mus, Patrio­tis­mus – ach was, zu jedem ver­damm­ten »ismus« kund­tun, der mir unter­kommt. Auch wei­ter­hin wer­de ich die köl­sche Erkennt­nis »Jeder Jeck is anders« hoch­hal­ten und die­se Anders­ar­tig­keit begrü­ßen. Und nicht auf­hö­ren zu beto­nen, dass ein »Jeck« so etwas wie ein Narr ist. Will sagen: Wir haben alle eine Ecke ab (wie man am Zustand des von uns bewohn­ten Pla­ne­ten ja auch sehr gut sehen kann) und eine Por­ti­on mehr När­ri­sches, also Humor, könn­te uns auf kei­nen Fall schaden.

Noch ein klei­ner Tipp für all die Kampf­zo­nen- und Shit­s­torm-Eröff­ner: Ich habe mal gele­sen, die alten Per­ser hät­ten vor jeder die Gemein­schaft betref­fen­den Ent­schei­dung zwei Ver­samm­lun­gen ein­be­ru­fen. Bei der einen erör­ter­ten sie das The­ma, wäh­rend sie sich bis zum Umfal­len betran­ken, bei der ande­ren bespra­chen sie es nüch­tern. Mög­li­cher­wei­se auch umge­kehrt. Viel­leicht soll­tet Ihr über die­se Metho­de mal nachdenken.

Im Herbst jenes Jah­res 1969 war ich übri­gens mit einer Band auf Tour, deren afro-eng­li­scher Saxo­pho­nist eine extrem kur­ze Kraus­haar-Fri­sur trug. Nie­mand von uns wäre je auf die Idee gekom­men, ihm das zum Vor­wurf zu machen.

Lite­ra­tur­hin­wei­se:
Rich Schwab: Ver­sacken, Kie­pen­heu­er & Witsch, 2005
Ders.: Tom Waits & ich: Short sto­ries (Hör­buch), Edi­ti­on inter­face 2012
Ders.: Paaf! Der vier­te Büb Klütsch-Roman, Fue­go 2016