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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vorbemerkung

Das klei­ne glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Film­fe­sti­val »Glo­ba­le« in Leip­zig mach­te am 19. August Schlag­zei­len. Weit über Leip­zig hin­aus. Die FAZ, die Welt, der West­deut­sche Rund­funk – sie alle berich­te­ten auf­ge­regt über einen vor­geb­li­chen Skandal.

Am 18. August war im Rah­men des Festi­vals Oli­ver Stones Film »Ukrai­ne on Fire« aus dem Jahr 2016 gezeigt wor­den. Ein auch die Vor­ge­schich­te erzäh­len­der Film über die Mai­dan-Pro­te­ste, über die Ereig­nis­se in Kiew, auf der Krim und im Don­bass im Win­ter 2013/​14. Die zen­tra­le Aus­sa­ge des Films von Oli­ver Stone: Der Macht­wech­sel in Kiew war ein Staats­streich gegen die Regie­rung von Wik­tor Janu­ko­wytsch, bei dem die USA (unter­stützt von der EU) die Fäden zog – ver­steckt hin­ter ame­ri­ka­ni­schen Stif­tun­gen wie dem »Natio­nal Endow­ment for Democracy«.

Noch im Vor­feld der Film­vor­füh­rung gab es Kri­tik. Der Film unter­stüt­ze die Posi­ti­on Putins, er sei Kreml-Pro­pa­gan­da. Prompt distan­zier­te sich die Stadt Leip­zig, die das Festi­val finan­zi­ell unter­stützt, vom Inhalt des Films. Der Film dür­fe aber gezeigt wer­den, so wur­de ver­laut­bart, man respek­tie­re schließ­lich die Kunst­frei­heit. Ein State­ment, das die Kri­ti­ker nur wüten­der mach­te. Denn »die wesent­li­che Fra­ge ist nicht, ob etwas gezeigt wer­den kann, son­dern ob die Stadt Leip­zig und ande­re Insti­tu­tio­nen sol­che anti-demo­kra­ti­schen Inhal­te finan­zi­ell und ideell fördern«.

Bei der Vor­füh­rung selbst kam es zu Hand­greif­lich­kei­ten. Sechs Mit­glie­der der deutsch-ukrai­ni­schen Künst­ler­grup­pe Ostov-Coll­ec­ti­ve stör­ten mit lau­tem Getrom­mel. Dann ver­such­ten sie, dem Mode­ra­tor das Mikro­fon zu klauen.

Am näch­sten Tag schrieb die FAZ: »Mit Ver­weis auf die Kunst­frei­heit macht es sich die Stadt sehr leicht. Sie hät­te spä­te­stens mit Bekannt­wer­den der Kri­tik an der Ver­an­stal­tung über­prü­fen müs­sen, was dort gezeigt wird. Es geht nicht um Zen­sur, aber um die Kon­trol­le des­sen, was mit Steu­er­gel­dern geför­dert wird.«

Die Orga­ni­sa­ti­on »Brot für die Welt«, die das jähr­li­che Festi­val mit kri­ti­schen Fil­men zur indu­stria­li­sier­ten Land­wirt­schaft, zum Kli­ma­wan­del oder der impe­ria­len Rol­le der USA in Süd­ame­ri­ka regel­mä­ßig mit­fi­nan­zier­te, ließ auf Twit­ter ver­lau­ten, dass man die künf­ti­ge För­de­rung des Festi­vals in Fra­ge stel­le. Und die Stadt Leip­zig will den Ver­lauf des dies­jäh­ri­gen Festi­vals bei der Mit­tel­ver­ga­be für 2023 berücksichtigen.

War­um die­ser Vor­fall hier so aus­führ­lich erzählt wird? Weil er ein Schlag­licht wirft auf den Zustand unse­rer Demo­kra­tie. Weil er exem­pla­risch ist für die zuneh­mend aggres­si­ve Ver­fol­gung »fal­scher« Mei­nun­gen in Zei­ten von Coro­na, Krieg und Zukunfts­angst. Zen­sur fin­det statt. Zum Bei­spiel durch die ideo­lo­gi­schen Kon­trol­leu­re und Zucht­mei­ster in den staats­treu­en öffent­lich-recht­li­chen Medi­en. Sie jagen »Abweich­ler«, pro­du­zie­ren Feind­bil­der, for­dern Kon­for­mi­tät im Sin­ne der »Staats­rä­son«, rufen nach »Maß­nah­men«. Die Kri­se der Mei­nungs­frei­heit, die Ver­en­gung der Debat­ten­räu­me durch Ankla­ge- und Ein­schüch­te­rungs­stra­te­gien, die gras­sie­ren­de Gegen­auf­klä­rung – das alles  bedeu­tet viel­leicht die größ­te Gefähr­dung für unse­re Zukunft.

Wir leben inmit­ten von zahl­rei­chen »Kri­sen und Kampf­zo­nen«. Es dro­hen »gesell­schaft­li­che Ver­wer­fun­gen«. Eine For­mu­lie­rung, die sonst nicht zu mei­nem akti­ven Wort­schatz gehört. Aber die viel­leicht näher dran ist an der Lebens­si­tua­ti­on und der Angst der Men­schen. Und mit der auch die ver­ba­len Bür­ger­krie­ge inmit­ten der Kri­sen erfasst werden.

Der neo­li­be­ra­le Irr­sinn; Coro­na und der Abbau der Bür­ger­rech­te; der immer deut­li­che­re Zusam­men­bruch der Pfle­ge; der Krieg, der Krieg nach dem Krieg, die Infla­ti­on, die extrem stei­gen­den Ener­gie­ko­sten, Ergeb­nis eines sinn­lo­sen Sank­ti­ons-Macht­spiels auf dem Rücken der Bevöl­ke­run­gen; Mil­lio­nen Flücht­lin­ge welt­weit, die jah­re­lang in Lagern leben oder in Mee­ren ertrin­ken; extre­mer Hun­ger in gro­ßen Tei­len der Welt; popu­li­sti­sche Natio­nal­ra­di­ka­le in Regie­run­gen. Und immer lau­ter, immer ton­an­ge­ben­der die Spra­che der Gewalt. Auch im Kampf der Min­der­hei­ten unter­ein­an­der. Min­der­hei­ten, mit deren sehr spe­zi­fi­schen Pro­ble­men und For­de­run­gen ich mich in der Dau­er­kri­se eigent­lich nicht auch noch beschäf­ti­gen möch­te. Und doch besteht eine Gesell­schaft aus Min­der­hei­ten, aus Indi­vi­du­en, aus Kran­ken, Gesun­den, Män­nern, Frau­en, Diver­sen, aus Kin­dern und Hun­dert­jäh­ri­gen. Und jeder scheint momen­tan auf der Suche nach einer Zuge­hö­rig­keit, nach einer Hei­mat, nach Sicher­heit. Sie alle wol­len gese­hen und beschützt wer­den. Sehr vie­le füh­len sich hei­mat­los, ohn­mäch­tig, ver­ges­sen, an den Rand gedrängt. Doch wäh­rend die Akti­vi­sten laut und hem­mungs­los die gesell­schaft­li­che Büh­ne beset­zen, kön­nen sich die Armen, die Kran­ken, die Alten nicht bemerk­bar machen. Schlim­mer noch – sie wer­den zu Kol­la­te­ral­schä­den auf den mili­tä­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Schlachtfeldern.

Ret­tet uns viel­leicht die gro­ße wun­der­ba­re Digi­ta­li­sie­rung? Wie wir sehen, tut sie es nicht. Im Gegen­teil. Sie ent­fernt Men­schen von Men­schen, sie über­wacht die Men­schen, sie ersetzt per­sön­li­che Hil­fe durch Tele­fon­war­te­schlei­fen oder Online-For­mu­la­re. Digi­ta­le Hilfs­mit­tel für die lau­fen­de Selek­ti­on der Men­schen nach ihrer Ver­wert­bar­keit für den gro­ßen Markt der Märkte.

Die mas­sen­haf­te Ver­ar­mung schrei­tet vor­an, aber Vono­via, die bör­sen­no­tier­te Woh­nungs­in­ha­be­rin, will mit einer Erhö­hung der Miet­prei­se reagie­ren; das Gesund­heits­we­sen lässt man wei­ter ver­elen­den, dafür wer­den die Kas­sen­prä­mi­en erhöht; die EU und die USA ret­ten mit Mil­li­ar­den und Aber­mil­li­ar­den die Arbeits­plät­ze in der Rüstungs­in­du­strie, dafür wer­den im Bun­des­haus­halt 2023 die Mit­tel für Lang­zeit­ar­beits­lo­se gekürzt.

Die­ses Heft wid­met sich nicht jeder ein­zel­nen Kri­se oder Kampf­zo­ne. Das wäre nicht mög­lich gewe­sen, aber es ist auch nicht not­wen­dig. Ossietzky ver­öf­fent­licht Aus­ga­be für Aus­ga­be, Schritt für Schritt Tex­te zu den drän­gen­den Fra­gen, Tex­te über die Kri­sen – und sucht nach Ant­wor­ten oder Lösungen.

Selbst­ver­ständ­lich geht es in die­sem Heft auch um Coro­na oder den Krieg in der Ukrai­ne, um Armut und Kli­ma. Einen wich­ti­gen Raum nimmt das schon oben genann­te The­ma ein, das mit allen Kri­sen im Zusam­men­hang steht, und für die Fra­ge, ob wir Lösun­gen fin­den, ob wir doch noch zu einer gerech­te­ren, sozia­le­ren, fried­li­chen Welt fin­den wer­den, von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist: Die Ver­gif­tung des Dis­kurs­rau­mes, das all­täg­li­che Geschrei, der Hass, jeder gegen jeden; die media­len Men­schen­jag­den auf die, die sich gegen den Main­stream stel­len, die Fra­gen haben und Zwei­fel, die Frie­den wol­len und kei­nen Krieg.

Bes­ser kön­nen wir »den Herr­schen­den« nicht die­nen. Wäh­rend sich das Volk gegen­sei­tig die Köp­fe ein­schlägt, sich belau­ert, denun­ziert, per Shits­torm jagt, kön­nen sie in Ruhe ihre schlech­te Poli­tik verfolgen.

Dar­an kön­nen wir sie nur gemein­sam hindern.