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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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2100 Jahre nach der Geburt von Jesus

Jesus über­leb­te, weil sei­ne Eltern unmit­tel­bar nach sei­ner Geburt im Stall, in dem sie Unter­schlupf gefun­den hat­ten, mit ihm vor der Gewalt des Königs gegen alle Neu­ge­bo­re­nen sei­nes Rei­ches Zuflucht fan­den. Flucht ist ein Weihnachtsthema.

Malek ist zwar in Duis­burg zuhau­se, aber er weiß nicht, wo auf der Erde er Boden unter die Füße bekom­men wird. Er ist als Kur­de mit afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit in Deutsch­land gedul­det. Maleks Eltern waren kurz vor sei­ner Geburt aus dem Kriegs­ge­biet geflo­hen, nach­dem War­lords sei­ne Oma, die er nie ken­nen­ler­nen konn­te, mit einem Schuss erle­digt hat­ten. Sei­ne Mut­ter weint ihr heu­te noch nach. Mit Errei­chen der Voll­jäh­rig­keit erhielt Malek Post vom Amt: Nun, da er kein Min­der­jäh­ri­ger mehr sei, ste­he sei­ner Abschie­bung ins Land sei­ner Vor­fah­ren nichts mehr im Wege. Malek kann Kur­disch spre­chen, aber sei­ne Aus­spra­che ver­rät ihn sofort als deutsch­stäm­mig. Sei­ne Eltern wur­den in Deutsch­land, wie er, immer nur gedul­det, da er sie brauch­te, solan­ge er unter dem Schutz der Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on stand. Dul­dung ist ein ande­res Wort für »Auf­schie­bung der Abschiebung«.

Kur­disch ver­steht er, doch mit Deutsch ist er auf­ge­wach­sen; sei­ne Eltern fan­den es wich­tig, dass er Deutsch mög­lichst per­fekt beherrscht. Es sei schlimm genug, dass ihm sein Name, sei­ne dunk­le Haut­far­be, sei­ne Dul­dungs­pa­pie­re, die Adres­se, wo sie woh­nen, Stei­ne in den Weg in die Gesell­schaft legen wer­den, bei der Job­su­che, der Woh­nungs­su­che, im All­tag. Das alles inter­es­siert die Voll­zugs­be­am­ten kei­nen Deut, sie ken­nen nur Para­gra­phen. Die Fami­lie hät­te lang genug Geduld genos­sen. Gesetz ist Gesetz.

Malek hat Angst vor Kabul, vor der Zukunft, vor Gewalt, vor dem Unbe­kann­ten und vor der Tren­nung von sei­ner Duis­bur­ger Hei­mat, von sei­nem Lieb­lings­leh­rer, von allem, was er kennt, auch wenn es immer Pro­ble­me gab. Sei­ne zer­ris­se­ne See­le treibt ihm immer wie­der Trä­nen in die Augen. Er will das nicht. Er will stark sein. Wenn er einem Poli­zi­sten sei­ne Iden­ti­täts­be­schei­ni­gung zei­gen soll, wenn er im Land, das so viel Wert auf die Men­schen­rech­te legt, in der Schlan­ge an der Super­markt­kas­se feind­lich ange­se­hen wird, wenn ihn Jun­gen mit Sprin­ger­stie­feln im Bus bedro­hen, Post vom Amt, Fuß­no­ten mit Geset­zes­ver­wei­sen, immer will er stark und beson­nen sein. Als Klas­sen­spre­cher mögen ihn vie­le, weil er immer wie­der in Kon­flik­ten hilft. Er hilft auch, und zwar gern, wenn jemand in Mathe oder Deutsch Pro­ble­me hat, denn die­se Fächer liebt er beson­ders. Er liebt Zah­len und Gedich­te. Fon­ta­nes Zei­le aus sei­nem Gedicht über Afgha­ni­stan beglei­tet ihn, wo auch immer er gera­de ist: »Sie irren wie Blin­de und sind uns so nah.« Er ärgert sich dar­über, dass er sich ein­mal zu einer Prü­ge­lei mit einem mus­ku­lö­sen Deut­schen hin­rei­ßen ließ. Der Kerl nann­te ihn Schma­rot­zer und Ter­ro­ri­sten. Dann aber nann­te er sei­ne Mut­ter eine Hure. Das war zu viel. Er hat auch schon den Unter­richt geschwänzt, wenn ihm etwas ande­res wich­ti­ger war.

Das Amt kennt vie­le sei­ner Fehl­trit­te. Sein Vater bestraft ihn oft hart, denn gera­de wir, sagt er, müs­sen uns beson­ders zügeln, sonst geht es uns hier an den Kra­gen. Malek will Sozi­al­ar­beit stu­die­ren oder Mathe­leh­rer werden.

Eines Mor­gens stand Poli­zei noch vor Tages­an­bruch im Schlaf­zim­mer, er habe nicht viel Zeit, nur das Nötig­ste, und dann ab in den Bus zum Flie­ger nach Kabul. Im Bus war­ten schon dut­zen­de ande­ren, die die Post vom Amt ver­drängt hat­ten, so wie er und sei­ne Eltern. Kein Abschieds­kuss mehr, kei­ne Mathe­ar­beit nach­her in der drit­ten Stun­de, kei­ne Sit­zung der Schü­ler­ver­tre­tung in der Mit­tags­pau­se, kein Fuß­ball­spiel am Nach­mit­tag. Nur Angst, Unge­wiss­heit und die­se unbän­di­ge Wut im Hals, Wut auf die Poli­zei, das Amt, die Eltern, die Schu­le, Jesus, Moham­med und das Amt. Die Welt hat sich gegen ihn ver­schwo­ren. War­um haben ihn alle guten Gei­ster ver­las­sen? Der Bus, der Flug­ha­fen, der Air­bus, der Start, unten das gelieb­te Land. Das Flug­zeug kehr­te über dem Bal­kan um, es erhielt für den Ziel­flug­ha­fen kei­ne Lan­de­er­laub­nis. So kam Malek wie­der zurück nach Marxloh, Duis­burg-Nord. Der Bus brach­te ihn zum Rat­haus. Vol­ler Angst und Hoff­nung auf dün­nem Eis kurz vor Anbruch eines neu­en Jah­res, kurz nach Weih­nach­ten. Die Zeit nach Jesus’ Geburt, in der er vor Hero­des flie­hen muss­te, um leben zu kön­nen. Er lieb­te auch sei­ne Fein­de, sagt sei­ne deut­sche Freun­din Inge immer, wenn sie sei­ne Angst trö­stet. Malek ist den Trä­nen nahe, und er weiß nicht, wie es weitergeht.

In jener Gegend lager­ten Hir­ten auf frei­em Feld und hiel­ten Nacht­wa­che bei ihrer Her­de. Da trat ein Engel des Herrn /​ der Her­rin zu ihnen und sein Glanz umstrahl­te sie. Sie fürch­te­ten sich sehr, der Engel aber sag­te zu ihnen: Fürch­tet euch nicht, denn ich ver­kün­de euch eine gro­ße Freu­de, die dem gan­zen Volk zuteil­wer­den soll: Heu­te ist euch in der Stadt Davids der Ret­ter gebo­ren; er ist der Mes­si­as. Und das soll euch als Zei­chen die­nen: Ihr wer­det ein Kind fin­den, das, in Win­deln gewickelt, in einer Krip­pe liegt. Und plötz­lich war bei dem Engel ein gro­ßes himm­li­sches Heer, das Gott und Göt­tin lob­te und sprach: Ver­herr­licht sind Gott und Göt­tin in der Höhe, und auf Erden ist Frie­de bei den Menschen.

Als die Engel sie ver­las­sen hat­ten und in den Him­mel zurück­ge­kehrt waren, sag­ten die Hir­ten zuein­an­der: Kommt, wir gehen nach Beth­le­hem, um das Ereig­nis zu sehen. So eil­ten sie hin und fan­den Maria und Josef und das Kind, das in der Krip­pe lag. Als sie es sahen, erzähl­ten sie, was ihnen über die­ses Kind gesagt wor­den war. Und alle, die es hör­ten, staunten …