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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Denk ich an Weihnachten …

Mit Weih­nachts­wün­schen ist das so eine Sache. Wir wis­sen alle, dass die­se sich im Ver­lau­fe eines Lebens ändern. In den ersten Jah­ren freu­en wir uns noch über klei­ne Poli­zei- oder Feu­er­wehr­au­tos, etwas spä­ter ist es ein Fahr­rad und noch spä­ter wohl ein Han­dy. Seit ich zwei klei­ne Enke­lin­nen habe und in Erwar­tung eines wei­te­ren Enkels im kom­men­den Febru­ar bin, ist das The­ma wie­der aktu­el­ler gewor­den. Mit unse­ren erwach­se­nen Kin­dern hat­ten sich mei­ne Frau und ich bereits vor Jah­ren geei­nigt, dass wir wech­sel­sei­tig auf mate­ri­el­le Geschen­ke zum Fest ver­zich­ten und uns statt­des­sen Zeit mit­ein­an­der schen­ken, die wir auf­grund der all­sei­ti­gen beruf­li­chen Ein­ge­bun­den­heit viel zu wenig haben. Das hat sich ganz gut bewährt, kann man aber nicht mit den Enkeln machen, was auf der Hand liegt.

Die geüb­te Pra­xis heißt aller­dings nicht, dass ich mich mit Weih­nachts­wün­schen nicht beschäf­ti­gen wür­de, ins­be­son­de­re sol­che, die mich inner­lich bewe­gen. Auch die­se sind nicht mate­ri­el­ler Natur, aber meist nur schwer umsetz­bar. Dar­an wur­de ich wie­der erin­nert, als ich unlängst nach einer durch­ge­führ­ten Haupt­ver­hand­lung vor einem Amts­ge­richt im Wei­ma­rer Land, an der ich als Ver­tei­di­ger teil­nahm, zu mei­nem in der Nähe des Gerichts­ge­bäu­des abge­stell­ten Pkw ging. Bereits aus eini­gen Metern Ent­fer­nung hör­te ich das Lär­men von meh­re­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern, die auf dem Hof eines Schul­ge­bäu­des spiel­ten und etwa im Alter von 8 bis 9 Jah­ren waren. Als ich den Kof­fer­raum mei­nes Fahr­zeu­ges öff­ne­te, sprach mich einer von ihnen an, ob ich ihm zwei Euro geben kön­ne, die er für einen Freund brau­chen wür­de, der Medi­ka­men­te aus der Apo­the­ke benö­tigt. Als ich ihn dar­auf hin­wies, dass die­ser doch sicher Eltern habe, die sich um ihn küm­mern, wenn er krank ist, und im Übri­gen wohl kaum ein Medi­ka­ment exi­stiert, das für zwei Euro in einer Apo­the­ke erwor­ben wer­den kön­ne, schwenk­te er um. Jetzt behaup­te­te er, die Eltern des Freun­des sei­en auch krank und könn­ten des­halb nichts tun. Es war gera­de­zu offen­sicht­lich, dass es die­sen Freund über­haupt nicht gibt und der Jun­ge das Geld für sich haben woll­te. Den­noch belog er mich in der beschrie­be­nen Art und Wei­se. Ich erklär­te ihm, dass ich ange­sichts die­ser Situa­ti­on nicht bereit bin, ihm etwas zu geben. Ehr­lich­keit ist die erste Vor­aus­set­zung für die Ver­stän­di­gung von Men­schen unter­ein­an­der. Bei­läu­fig muss­te ich ihn noch dar­auf hin­wei­sen, dass man in sei­nem Alter Erwach­se­ne nicht mehr selbst­ver­ständ­lich mit »Du« anspricht. Jetzt ent­fern­te sich der Jun­ge ohne ein wei­te­res Wort, eine Ent­schul­di­gung sei­ner­seits wäre wohl ange­bracht gewe­sen, und wand­te sich wie­der sei­nen immer noch spie­len­den Klas­sen­ka­me­ra­den zu.

Mich mach­te das Erleb­te aber nach­denk­lich und beschäf­tig­te mich auf mei­ner Rück­fahrt nach Gotha. Wie hät­te ich mich ver­hal­ten anstel­le des Jun­gen, vor einem hal­ben Jahr­hun­dert, als ich in sei­nem Alter war? Wäre ich auch nur annä­hernd auf einen sol­chen Gedan­ken gekom­men, vor­zu­ge­hen wie er? Letzt­lich wur­de mir bewusst, dass die seit mehr als 30 Jah­ren nun­mehr auch im öst­li­chen Teil Deutsch­lands weit ver­brei­te­te Gier nach Geld auch die­sen Jun­gen erfasst hat­te, wenn auch nur im Klei­nen. Mich erin­ner­te das an Zei­len, die mein Men­tor Fried­rich Karl Kaul einst einem Zeit­ge­nos­sen schrieb: »Mir ist lei­der sehr ban­ge, dass in abseh­ba­rer Zeit Deutsch­land nicht eins wird in der Ableh­nung der Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen; und eins wird in der Über­zeu­gung, dass Geld und Erwerb nicht das Maß aller Din­ge im mensch­li­chen Leben bedeu­ten; und das sozia­le Gerech­tig­keit die ein­zig gül­ti­ge Wäh­rung wird in dem Raum, den impe­ria­li­sti­scher Wahn einst ›Groß­deut­sches Reich‹ genannt hat.«

Mein Weih­nachts­wunsch in die­sem Jahr wird sein, dass mei­nen Enkeln in Kin­der­ta­gen und hof­fent­lich auch spä­ter die Jagd nach Geld erspart bleibt.