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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Festtagstour

»Was gibt’s denn heu­te Gutes, Alter?« Vol­ker klopft ein paar Schnee­flocken vom Ärmel und zieht die Tür hin­ter sich zu. Aus der Käl­te kom­mend, genießt er die Wär­me der Krankenhausküche.

Vol­ker ist heu­te ein paar Minu­ten frü­her zum Kran­ken­haus gefah­ren, hat den Kom­bi mit­ten in der Lie­fe­ran­ten­ein­fahrt geparkt, die Warm­hal­te­kä­sten für das »Essen auf Rädern« ent­la­den und im Ein­gangs­be­reich der Küche gesta­pelt. Diet­mar, der Zivil­dienst­lei­sten­de des Kran­ken­hau­ses ist gera­de dabei, die Alu­schach­teln mit den Mahl­zei­ten luft­dicht zu verschließen.

»Na, sag schon!«, stößt Vol­ker ihm den Ell­bo­gen in die Sei­te. »Gibt›s zur Fei­er des Tages kuli­na­ri­sche Hoch­ge­nüs­se a la Kem­pin­ski oder bloß euren stän­di­gen Einheitspapp?«

»Red nicht, pack das Fest­me­nü ein, bevor es kalt wird. Lecker wie immer und leicht bekömm­lich: gedün­ste­te Forel­le, gesun­der Feld­sa­lat, köst­li­che Peter­si­li­en­kar­tof­feln. Zitro­nen­creme zum Nach­tisch, sogar Kuchen, stell dir vor! Heu­te hast du aber nur halb so vie­le Por­tio­nen auszuliefern.«

»Stell dir vor!«, grinst Vol­ker. »Ich will schließ­lich was von Weih­nach­ten haben und die alten Herr­schaf­ten auch! Eini­ge von unse­ren Kun­den sind über die Fest­ta­ge zu ihren Kin­dern gefah­ren oder anders­wo unter­ge­kom­men. Da kochen zur Fei­er des Tages die lie­ben Ver­wand­ten. Für die Alten freut es mich, mein Bester. Wenn ich an euer schlap­pes Essen denke!«

»Halt die Luft an, Vol­ker. Unse­re alten Leut­chen brau­chen leich­te Kost, und an einem Tag wie heu­te ist unser Menü wirk­lich nicht von Pap­pe. Fast hät­te ich mich ver­zählt, alte Rübe! Drei­und­zwan­zig, vier­und­zwan­zig. So das wars, Kum­pel. Kannst los­dü­sen mit dei­nem Don­ner­ofen. Und schö­ne Weih­nach­ten auch.«

Vor der engen Kur­ve in Lang­sche­de hät­te er frü­her zurück­schal­ten, auf der schma­len Ruhr­brücke bes­ser auf den Gegen­ver­kehr ach­ten müs­sen. Dabei hat­ten sie im Radio vor Glatt­eis gewarnt. Die Kar­re schlin­gert, Vol­ker kriegt sie gera­de noch zurück in die Spur. Egal, Vol­ker will die Tour mög­lichst rasch hin­ter sich brin­gen, am Nach­mit­tag gleich wie­der zu Son­ja, die end­lich sturm­freie Bude hat, nach­dem ihre Eltern zum Weih­nachts­ur­laub in die Kari­bik geflo­gen sind.

Eine tol­le Sache, Weih­nach­ten ohne das öde »Her­um­ge­sül­ze« mit der Fami­lie, das Vol­ker nur anstinkt und nervt. Allein mit Son­ja, da hät­te er auf den Zivil­dienst lie­bend gern ver­zich­ten kön­nen, auch wenn heu­te das Aus­lie­fern von ein paar Por­tio­nen »Essen auf Rädern« sei­ne ein­zi­ge Auf­ga­be ist.

Die Geschäfts­füh­re­rin des Cari­tas-Ver­ban­des hat­te ihn ermahnt, wenig­stens heu­te den wei­ßen Kit­tel anzu­be­hal­ten und ordent­lich zuzu­knöp­fen. Schlimm genug, dass er stän­dig in ver­wa­sche­nen, aus­ge­fran­sten Jeans her­um­lau­fe, hat­te sie gestern gemosert.

»Den­ken sie dar­an, Herr Dött­kes, für jeden unse­rer alten Men­schen ein lie­bes Wort, die Weih­nachts­kar­te und unser klei­nes Prä­sent zum Fest. Gera­de am Hei­li­gen Abend haben die oft kei­nen, der sich um sie küm­mert. Außer uns natür­lich. Eine ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be, die sie über­nom­men haben.«

Als ob ihm das nicht längst klar gewe­sen wäre. Dabei hat­te er sich für den Zivil­dienst nur ent­schie­den, weil er etwas dage­gen hat­te, kaser­niert zu werden.

Auf dem Weg zurück in die Kreis­stadt sieht er, dass er gut in der Zeit liegt. Nur der alte Otto Bramber­ger in der Müh­len­stra­ße hat­te ihn län­ger auf­ge­hal­ten, wie so oft von sei­ner Toch­ter erzählt, die seit fünf­und­drei­ßig Jah­ren in den Staa­ten leb­te. »Nun hocke ich noch immer hier und wer­de sechs­und­neun­zig näch­stes Jahr. Aber in ein Alters­heim kriegt ihr mich nicht.« Dann hat­te er Vol­ker einen zer­knüll­ten Zwan­zi­ger in die Hand gedrückt. »Dass du nicht zum Mili­tär gehst, ist schon in Ord­nung, Jun­ge. Aber des­halb bau­en die kei­nen Pan­zer weni­ger. Mir alten Mann soll es egal sein. Auf­pas­sen müsst ihr Jun­gen, dass es nicht eines Tages wie­der zu spät ist und die wie­der ange­fan­gen mit dem gan­zen Mist. Ich hab das alles mit­ge­macht. Zwei Mal, mein Jun­ge, zwei Mal Mord und Tot­schlag an Millionen.«

Schnee­fall hat ein­ge­setzt. Vol­ker biegt in die Ein­fahrt zur Cari­tas-Geschäfts­stel­le, parkt den Kom­bi unter dem Car­port. Im Haus brennt noch Licht. Egal, nichts wie weg! Ab zu Son­ja. Die war­tet schon!

Das Tür­schloss sei­ner Ente ist ver­eist. Mit klam­men Fin­gern sucht er das Feu­er­zeug in der Kit­tel­ta­sche, als ein Fen­ster der Dienst­stel­le geöff­net wird. Ver­dammt, schon wie­der Piet­sch­mann, die­ser mie­se Typ, der stän­dig her­um­kom­man­diert, meckert und kon­trol­liert. Der hat ihm jetzt noch gefehlt.

Tat­säch­lich, Piet­sch­mann steckt den fei­sten Kopf aus dem Fen­ster, grinst däm­lich, winkt ihn her­an. »Sie müs­sen noch mal kurz ins Kran­ken­haus fah­ren. Noch ne Por­ti­on Essen holen! Die Küche weiß Bescheid. Machen Sie aus­nahms­wei­se mal ein biss­chen fix. Zu Hau­se war­tet mei­ne Fami­lie. Ist noch eini­ges vor­zu­be­rei­ten. Also Dött­kes, dal­li, zack, zack.«

Eine ein­ge­schweiß­te Por­ti­on Mit­tag­essen, dazu ein Paket Schnit­ten und eine Kan­ne Tee ste­hen auf der Anrich­te neben der Küchen­tür. »Hat­test du heu­te Mit­tag nicht genug? Viel­leicht ver­zählt, oder was?« Diet­mar, der öde Kran­ken­haus­zi­vi, der am lieb­sten nur im Hei­zungs­raum sitzt, nervt wie immer.

»Hab auch kei­ne Ahnung, was das soll«, zuckt Diet­mar die Schul­tern. »Auf­trag von Schwei­ne­backe Piet­sch­mann. Du sollst damit wie­der zur Geschäfts­stel­le zurück. Wahr­schein­lich will das fei­ste Schwein alles sel­ber fressen.«

Frü­he Däm­me­rung, trü­bes Licht. Tie­ri­scher Ver­kehr. Glatt­eis und Neu­schnee. Diet­mar in sei­ner Kran­ken­haus­kü­che, in sei­nem war­men Kel­ler, krieg­te davon natür­lich nichts mit. Für heu­te reich­te es Vol­ker. Son­ja und sturm­freie Bude, das allein zählte.

Erneut parkt er den Wagen unter dem Car­port, schnappt sich das merk­wür­di­ge Essens­pa­ket, balan­ciert Sty­ro­por­box und Tee­kan­ne vor der Brust, will die Haus­tür mit dem Fuß auf­sto­ßen, als Piet­sch­mann schon öffnet.

»Das Essen kommt rüber ins alte Amts­haus, Dött­kes! Machen sie schon!«

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!« Vol­ker lacht. »Rei­ne Schi­ka­ne, Herr Piet­sch­mann! Soll ich ins Stan­des­amt oder Kul­tur­amt, oder was? Die haben längst alle geschlos­sen! Da ist am Hei­li­gen Abend doch kei­ner scharf auf Krankenhauskost!«

Er schaut Piet­sch­mann belu­stigt von der Sei­te an. Der zieht einen gro­ßen Schlüs­sel­ring aus der Man­tel­ta­sche, hält ihn dicht vor die beschla­ge­nen Bril­len­glä­ser, liest auf den Pla­stik­schild­chen, fin­det end­lich den Haupt­schlüs­sel. »Gehen sie vor­an, Döttkes!«

Ein paar Schrit­te durch die dich­ten Schnee­flocken quer über die Stra­ße. Piet­sch­mann drückt die Tür auf und lässt sie so rasch hin­ter sich zufal­len, dass Vol­ker Glück hat, sie nicht vor den Kopf zu krie­gen. Die lan­gen Flu­re lie­gen kalt und dun­kel. Die Schrit­te hal­len auf den Flie­sen. Piet­sch­mann knipst das Licht an, steigt die stei­len Stu­fen hin­un­ter in den Kel­ler. Am Ende des muf­fi­gen Kel­ler­gan­ges eine schwe­re Holz­tür, in Kopf­hö­he eine klei­ne Klappe.

Eine Gefäng­nis­tür! Da oben wird der alte Kotz­brocken gleich das Essen durch­rei­chen. Ach Unsinn! Vol­ker ver­scheucht den Gedan­ken. Hier unten wer­den höch­sten Akten auf­be­wahrt. Doch er kann das Frot­zeln nicht las­sen: »Haben sie Ärger mit ihrer Frau, dass sie hier unten über­nach­ten wol­len? Oder habe ich mich gar eines Dienst­ver­ge­hens schul­dig gemacht und sie wol­len mich über Weih­nach­ten einbuchten?«

»Reden sie nicht so geschwol­len daher, Dött­kes, stel­len sie lie­ber das Essen ab!«, knurrt Piet­sch­mann und hält Vol­ker die Schlüs­sel hin: »Na los, öff­nen sie!«

Eine Zel­le. Tat­säch­lich eine Zel­le, durch­zuckt es Vol­ker. So ein dunk­les Dreck­loch in einem ganz nor­ma­len Gebäu­de! An der Decke des nied­ri­gen Rau­mes ein win­zi­ges ver­git­ter­tes Kel­ler­fen­ster. Eine schwa­che Glüh­bir­ne taucht zwei Stahl­rohr­bet­ten, einen klei­nen Holz­tisch, zwei Stüh­le und einen rosti­gen Blech­spind in dif­fu­ses Licht. Im hin­te­ren Bett liegt ein viel­leicht zwölf­jäh­ri­ger Jun­ge und blät­tert in einem Comicheft.

»So, mein Freund­chen, dein Essen für heu­te.« Piet­sch­mann grinst den Jun­gen an und deu­tet auf Vol­ker. »Mor­gen Mit­tag kommt der hier allein und bringt dir was. Los, Dött­kes, ste­hen sie nicht wie ver­stei­nert rum und star­ren Löcher in die Wand! Das wars für heu­te! Ver­dammt, schlie­ßen Sie end­lich die Tür! Sie krie­gen jetzt mei­ne Anwei­sun­gen für mor­gen, auch was die Frön­den­ber­ger Tour angeht. Sei­en Sie pünkt­lich, Mann! Ich will kei­ne Mel­dung an das Bun­des­amt machen. Sie behal­ten die Schlüs­sel und brin­gen dem Bur­schen auch mor­gen sein Essen. Das Kran­ken­haus weiß Bescheid. Tür zu end­lich! Licht aus, abschlie­ßen, ab nach Hause!«

Vol­ker schüt­telt den Kopf. »Was hat der Klei­ne denn ver­bro­chen? Will der etwa schon verweigern?«

»Unsinn, Dött­kes! Der Ben­gel ist von Zuhau­se aus­ge­ris­sen. Kommt irgend­wo­her aus Süd­deutsch­land. Spricht kein Wort. Total ver­stockt, der Rotz­löf­fel. Mor­gen Abend wird er wahr­schein­lich abge­holt, wenn das über die Fei­er­ta­ge über­haupt klappt. War gar nicht ein­fach zu regeln. Wenn das mei­ner wäre, könn­te der sein blau­es Wun­der erle­ben. Bis Ostern ließ ich den schmo­ren! Weih­nach­ten wär mir pie­pe­gal. Trotz­dem, Dött­kes, auch für Sie ein fro­hes Fest.«

»Du, Son­ja, da haben sie einen klei­nen Jun­gen ein­ge­locht. Der ist Zuhau­se abge­hau­en. Hockt die gan­ze Nacht allein unten im alten Amtshaus.«

Irgend­wann am Hei­li­gen Abend erzählt er es ihr. Son­ja küsst ihn noch ein­mal, zieht ihm lachend die Bett­decke weg, streift Pul­li, Jeans und Jacke über. »Lass uns hin­fah­ren, Vol­ker!« Sie springt auf, sieht ihn ernst­haft an. »Der Jun­ge kommt zu uns. Merkt doch kei­ner!« Sie wirft ihm den Ano­rak zu. »Komm, mach schon!«

»So ein­fach geht das nicht! Du und dei­ne spon­ta­nen Ideen. Was wird aus uns?«, ruft er und kriegt den Mund nicht wie­der zu. »Das hab ich mir gera­de heu­te anders vor­ge­stellt mit uns! «

Drau­ßen ist es längst dun­kel gewor­den. Dich­te Flocken wir­beln vor der Wind­schutz­schei­be. Als sie die Kel­ler­tür auf­schlie­ßen, reagiert der Jun­ge nicht. Das Essen hat er nicht ange­rührt. Vol­ker bleibt am Tür­rah­men ste­hen. Son­ja geht die paar Schrit­te auf das Bett zu, legt den Arm um die Schul­tern des Jun­gen, redet sanft auf ihn ein, strei­chelt ihm ein­mal sogar übers Haar.

»Siehst du, Vol­ker, gut, dass wir gefah­ren sind. Das ist Mar­kus. Sei­ne Groß­mutter wohnt in Mün­ster. Ida Bre­mer. Hil­tru­per Stra­ße. Er woll­te zu ihr. Weil sei­ne Eltern kaum Zeit für ihn hat­ten, sich nicht um ihn geküm­mert haben, ist er ein­fach abge­hau­en. Sechs Tage war Mar­kus unter­wegs von Pas­sau hier­her. So kurz vor dem Ziel haben sie ihn auf­ge­grif­fen. Los, wir brin­gen ihn zu sei­ner Oma!«

»Wenn das raus­kommt, hängt Piet­sch­mann mir ’ne Dis­zi an. Dar­auf war­tet der bloß! Bei dem Wet­ter bis Mün­ster! Ich hab kaum Sprit im Tank.«

Eine klei­ne weiß­haa­ri­ge Frau öff­net zag­haft die Tür. Dann brei­tet sie die Arme aus, jubelt vor Freu­de. Mar­kus fliegt sei­ner Groß­mutter ent­ge­gen, drückt sich an sie. Sie strei­chelt sei­nen Kopf, blickt erstaunt auf Son­ja und Volker.

»So eine Freu­de! Hat mein Sohn sie geschickt den wei­ten Weg, damit sie mir den Mar­kus brin­gen am Hei­li­gen Abend? Damit ich nicht mehr so allein bin. Sicher hat Albert wie­der kei­ne Zeit gefun­den. Wie nett von Ihnen. Bit­te, tre­ten Sie doch ein. So eine Freu­de, Mar­kus, dass du kom­men durf­test! Wie groß du gewor­den bist seit dem letz­ten Mal. Nun wei­ne doch nicht, mein Jun­ge, was hast du denn?«

Son­ja unter­bricht ihren Rede­schwall. »Ich glau­be, Mar­kus hat ihnen viel zu erzäh­len, Frau Bre­mer. Wir müs­sen jetzt fah­ren. Mor­gen Nach­mit­tag kom­men wir zurück und holen ihren Enkel ab, damit mein Freund kei­nen Ärger kriegt. Rufen Sie ihren Sohn nicht an wegen Mar­kus. Er darf nicht wis­sen, dass er bei Ihnen ist. Sagen Sie ihm bit­te nichts. Das hat Zeit bis spä­ter. Sonst kommt der Vol­ker hier an den Fei­er­ta­gen noch in Teu­fels Küche. Tschüss, Mar­kus, mach es gut! Ihnen und Ihrem Enkel Fro­he Weih­nach­ten, Frau Bremer.«

Son­ja zieht die Flur­tür hin­ter sich zu, legt Vol­ker die Hän­de um den Nacken, drückt sich an ihn. Das Fünf­mi­nu­ten­licht im Trep­pen­haus erlischt. Sie drückt ihre Lip­pen wei­ter auf sei­nen Mund.

»Gut gemacht, mein Lie­ber! In einer hal­ben Stun­de sind wir wie­der bei mir«, haucht sie ihm ins Ohr. »Dann fei­ern wir auch.«