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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die geklauten Stiefel

Wir hat­ten Spät­schicht, Jür­gen und ich fuh­ren Strei­fe. Es war ein typi­scher Hei­lig­abend. Der Ver­kehr hat­te ab frü­hem Nach­mit­tag nach­ge­las­sen, es fiel kein Schnee, aber es nieselte.

Über Funk kam der Ruf: »Kommt so lang­sam zur Wache.« Wir wuss­ten, dass unser Kol­le­ge Hans im Auf­ent­halts­raum den Tisch gedeckt hat­te, wahr­schein­lich hat­te er noch ein­mal die Ker­zen des Advents­kran­zes ange­zün­det und den Christ­stol­len auf­ge­schnit­ten. Hell­weg 12/​26, 12/​27 und wir, Hell­weg 12/​25, fuh­ren also zur Wache. Gemüt­li­che klei­ne Weihnachtsfeier.

Wir waren kurz vor dem Ziel, da kam ein ande­rer Funk­ruf: »Berg­ka­men, Prä­si­den­ten­stra­ße, Ein­bruch bei Schuh­ge­schäft Büscher, Täter vor Ort.«

So ein Mist, gera­de jetzt! Kaf­fee fer­tig, Christ­stol­len auf­ge­schnit­ten, aber statt zur Weih­nachts­fei­er ab nach Berg­ka­men, Präsidentenstraße.

Blau­licht, Mar­tins­horn, in zehn Minu­ten waren wir vor Ort. Dort tra­fen wir Frau Ober­gön­ner an, die über dem Schuh­ge­schäft wohn­te. Sie erzähl­te uns, dass sie gera­de die Woh­nung für Weih­nach­ten her­ge­rich­tet hat­te, weil ihre Kin­der zur Besche­rung kom­men woll­ten, als sie den fürch­ter­li­chen Krach gehört hat­te. Sie war zum Fen­ster gerannt und hat­te gese­hen, wie eine Per­son weg­lief. Unten hat­te sie dann das gro­ße Loch in der Schau­fen­ster­schei­be entdeckt.

»Da hin­ten ist er hin­ge­lau­fen, Rich­tung Hoch­stra­ße«, rief sie, als wir anka­men. Der Mann sei etwa 170 cm groß, schlank, vor allem trü­ge er einen Blau­mann, eine komi­sche Müt­ze und klo­bi­ge Arbeitsschuhe.

Jür­gen blieb vor Ort, um die Per­so­na­li­en auf­zu­neh­men und das Ein­bruch­fen­ster zu sichern, bis der Eigen­tü­mer gekom­men war. Hell­weg 12/​26 und 12/​27 durch­streif­ten den Nah­be­reich mit den Strei­fen­wa­gen, ich mach­te mich zu Fuß auf die Socken.

Auf der Flucht war der Täter an Häu­sern mit Gär­ten vor­bei­ge­kom­men, also muss­te ich über­all mit der Taschen­lam­pe rein­leuch­ten. Das Gan­ze ging im Lauf­schritt, der Täter hat­te ja einen Vor­sprung, aber wir hoff­ten trotz­dem, die Sache schnell zu Ende zu brin­gen. Es war schließ­lich Heiligabend.

Wenn wir schon kei­nen Kaf­fee auf der Wache trin­ken konn­ten, woll­ten wir wenig­stens pünkt­lich Fei­er­abend haben, um die Besche­rung zu Hau­se zu erle­ben. Gott sei Dank waren die Vor­gär­ten gut ein­seh­bar, sodass ich schnell vorwärtskam.

Plötz­lich kam der Ruf über Funk: »Hier läuft einer auf die Hoch­häu­ser zu.« Ich war nicht so weit davon ent­fernt, kurz drauf waren alle Strei­fen­wa­gen vor Ort.

Bei­de Hoch­häu­ser waren durch einen Hof ver­bun­den. Zwei von uns postier­ten sich links davon, zwei rechts. Ich hat­te die Auf­ga­be, den Hof abzusuchen.

Plötz­lich sah ich eine Per­son, die sich zwi­schen den Müll­ton­nen duck­te. Sie trug einen Blau­mann und klo­bi­ge Schu­he. Klar, das muss­te der Täter sein. Nach sei­ner Arbeit war er offen­sicht­lich noch nicht nach Hau­se gegan­gen. Ich for­der­te ihn auf, aus dem Ver­steck zu kom­men, aber er rann­te weg. Ich hin­ter­her. Nach kur­zer Zeit hat­te ich ihn an der Schul­ter. Er ver­such­te mich abzu­schüt­teln, dabei kam er zu Fall und riss mich mit sich zu Boden. So kam es auf dem Boden zu einer Rau­fe­rei, bis ich ihn fest im Klam­mer­griff hat­te. Jür­gen leg­te ihm schließ­lich die Hand­schel­len an. Er hat­te eine mäch­ti­ge Fah­ne, der Kerl hat­te ordent­lich getankt.

Bei der Befra­gung gab er sich reu­mü­tig. Er habe seit kur­zem eine neue Freun­din, lall­te er, und woll­te ihr zu Weih­nach­ten doch etwas schen­ken. Aber er habe lei­der kein Geld und sei des­halb auf die Idee mit dem Ein­bruch gekom­men. Zuerst woll­te er sei­ner Freun­din eine Uhr schen­ken und habe des­halb ver­sucht, die Schau­fen­ster­schei­be des Uhren­ge­schäfts zwei Häu­ser ent­fernt ein­zu­wer­fen, aber die hät­ten eine Sicher­heits­schei­be. da wäre nichts zu machen gewesen.

Es war schwer, sein Gel­al­le zu verstehen.

Dann aber hät­te er die Stie­fel im Schau­fen­ster bei Büscher gese­hen und gemeint, dass sie sei­ner Freun­din gefal­len wür­den. Er habe also einen Stein genom­men, die Schei­be ein­ge­wor­fen, durch das Loch gegrif­fen und die Stie­fel genom­men. Aber ehr­lich, er hät­te nur das eine Paar Stie­fel mit­ge­nom­men, nichts wei­ter. Er kön­ne doch nicht ohne Geschenk zu sei­ner Freun­din gehen, es wäre doch Weihnachten.

Er zeig­te uns anschlie­ßend, wo er die Stie­fel ver­steckt hat­te. Als wir sie sahen, wuss­ten wir, dass es ein Hei­lig­abend war, den wir nie mehr ver­ges­sen wür­den. Es waren näm­lich Män­ner­stie­fel, die er geklaut hat­te, dazu zwei ver­schie­de­ne und auch noch zwei rechte.

Er ver­stand nicht, war­um wir laut los­lach­ten. Fast tat es uns leid, dass wir ihn mit­neh­men mussten.