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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Was sich zu jener Zeit begab …

Hart­wig Hohns­bein Was sich zu jener Zeit begab …

Joseph, der Sohn des Eli-Jakob, des hoch­an­ge­se­he­nen Holz­hand­wer­kers in Naza­reth, ver­stand die Welt nicht mehr. Gera­de erst, vor zwei Tagen, hat­te er sein erstes Werk­stück öffent­lich vor­ge­führt. Er hat­te es sich ganz allein aus­ge­dacht und ohne Hil­fe sei­nes Vaters, bei dem er in der Leh­re war. her­ge­stellt: Eine Krip­pe, die mit nur weni­gen Hand­grif­fen für ein neu­ge­bo­re­nes Kind zu einer ange­neh­men Wie­ge umge­wan­delt wer­den konn­te. Die Leu­te, denen er sein Werk erklär­te, waren begei­stert. Gro­ße Erfin­dung! Dar­auf hät­te man schon frü­her kom­men kön­nen. Selbst die sonst immer so mür­ri­schen Pha­ri­sä­er spar­ten nicht mit ihrem Lob. »Ein wun­der­ba­res Werk – als hät­te es Jah­we, unser Herr, selbst geschaf­fen.« So schall­te es über den Platz vor der Synagoge.
Und dann die­ses, einen Tag spä­ter: Maria, die Toch­ter des Joa­chim und der Anna, kam zu ihm. Sie war mit ihm ver­lobt, leb­te aber, wie es die hei­li­ge Vor­schrift vor­sah, noch im Haus ihrer Eltern. Die Braut­ga­be war natür­lich schon für sie ent­rich­tet, und in sechs Mona­ten soll­te die pracht­vol­le Hoch­zeit sein. Dar­auf freu­te er sich schon, wenn dann end­lich die Zeit der Jung­fern­schaft zu Ende war – und nun also dies: »Ich bin, glau­be ich, schwan­ger«, hat­te sie ihm schüch­tern ein­ge­stan­den, »und ich weiß gar nicht, wodurch«. Maria, sei­ne Maria, war gera­de ein­mal fünf­zehn Jah­re alt; sie war noch sehr ver­spielt und dach­te wohl, das lässt sich alles regeln. Joseph aller­dings begriff sogleich die unheil­vol­le Situa­ti­on. Er hat­te sich zwar noch nie so sehr für die hei­li­gen Vor­schrif­ten der Tora inter­es­siert – doch so viel wuss­te er schon: Wenn etwas mit der Jung­frau­en­schaft vor der Hoch­zeit nicht stimmt, dann gibt es Pro­ble­me, die töd­lich sein kön­nen. Ein Freund von ihm, mit dem er oft zusam­men war, hat­te ihm gleich nach der Ver­lo­bung die­ses hei­li­ge Gebot genannt: »Ist es aber die Wahr­heit, dass das Mäd­chen – bei der Hoch­zeit – nicht mehr Jung­frau war, so soll man sie her­aus vor die Tür des Hau­ses ihres Vaters füh­ren, und die Leu­te der Stadt sol­len sie zu Tode stei­ni­gen, weil sie eine Schan­de in Isra­el began­gen hat« (5. Moses 22. 20).
Die gan­ze Nacht über dach­te und rech­ne­te Joseph hin und her. Bei den weni­gen Tref­fen mit Maria seit der Ver­lo­bung war es doch immer zwi­schen ihnen so zuge­gan­gen, wie es die hei­li­gen Vor­schrif­ten ver­lang­ten. »Ich wer­de mich heim­lich von ihr tren­nen, ich bin doch ein recht­schaf­fe­ner Mann – da muss es einen ande­ren geben – etwa Gabri­el, den rei­chen Zoll­ein­neh­mer, der gibt immer so an und ist doch hin­ter­häl­tig.« Tren­nen – »so soll es sein, sonst kommt Schan­de auch über mich«. Doch ein­mal, so erin­ner­te er sich plötz­lich, da kuschel­te sich die klei­ne Maria so sehr an ihn her­an, da muss­te er ein­fach mit­ku­scheln. Das war schön! Wer­den so die Kin­der »gezeugt«, wie es so oft in den hei­li­gen Tex­ten heißt. Er hat­te noch nie so genau dar­über nachgedacht.
»Nein«, sagt er nun bei sich, »ich wer­de sie den­noch als Frau zu mir neh­men; viel­leicht lässt der Herr ein Wun­der gesche­hen, wie wir bei­den aus die­ser ver­flix­ten Situa­ti­on herauskommen.«
Und es geschah ein Wun­der. Am näch­sten Mor­gen schon kam eine Nach­richt von einem Prie­ster, der in Jeri­cho leb­te, dem Prie­ster Zacha­ri­as. Sei­ne Frau Eli­sa­beth, eine Ver­wand­te der Maria, so teil­te er mit, erwar­te ein Kind, und sie wünsch­te, weil sie bei­de schon »hoch­be­tagt« sei­en, drin­gend eine Hil­fe nach den »Tagen der Unrein­heit«, die auf die Geburt fol­gen. Er selbst müs­se dann wie­der den Tem­pel­dienst in Jeru­sa­lem ver­rich­ten. Maria, die jun­ge Ver­wand­te, möch­te doch, bit­te, zu ihnen kom­men, für drei/​vier Mona­te, und dabei selbst ler­nen, Neu­ge­bo­re­ne zu betreu­en. »Ein Wun­der«, rief Joseph, »Maria geht nach Jeri­cho, bevor etwas an ihr auf­fällt«. »Maria muss der Eli­sa­beth drin­gend bei­ste­hen«, so sag­te es Joseph sei­nem Vater, und der ver­stand sofort. Ob er etwas ahn­te? Und so mach­te sich Maria auf die Rei­se von Naza­reth nach Jeri­cho. Und nie­mand, außer Joseph, wuss­te, dass sie selbst schwan­ger war.
Drei Mona­te, so war ver­ein­bart wor­den, soll­te Maria bei ihrer Cou­si­ne blei­ben. Doch was dann, wenn sie selbst ihr Kind zur Welt bringt – vor der Hochzeit?
Zacha­ri­as hat­te bald her­aus­ge­fun­den, in wel­cher Schwie­rig­keit Joseph und Maria waren. Obgleich ein geset­zes­treu­er und gott­wohl­ge­fäl­li­ger Prie­ster, nahm er sich doch sei­ner Ver­wand­ten für­sorg­lich an. Er fand her­aus, dass Joseph von sei­ner Her­kunft her ein grö­ße­res Grund­stück in Beth­le­hem hat­te, das aller­dings erb-recht­lich umstrit­ten war und noch nicht geschätzt und in Listen ein­ge­tra­gen. Vor­neh­me ande­re Ver­wand­te, die sich gern als »Magi­er« oder sogar als »Köni­ge« aus­ga­ben, woll­ten eben­falls Anteil an die­sem Besitz haben. »Das muss gere­gelt wer­den«, ließ Zacha­ri­as durch Boten dem Joseph aus­rich­ten, der ja noch in Naza­reth war. »Hole dei­ne Maria hier ab und reist dann wei­ter nach Beth­le­hem. Ich selbst wer­de euch dahin beglei­ten. Und ver­giss nicht: Eine sol­che besitz­recht­li­che Ver­hand­lung kann Mona­te, ja, Jah­re dau­ern. Und bevor ihr nach Beth­le­hem zieht, wer­den wir hier eure Hoch­zeit bege­hen – in aller Stil­le.« Und so geschah es.
In Beth­le­hem fan­den die bei­den Unter­kunft in einem Stall, den Joseph dann, dank sei­nes gelern­ten Holz­hand­werks, so her­zu­rich­ten ver­stand, dass alles dar­in, ins­be­son­de­re die alte Krip­pe, so wohn­lich wur­de, dass die Bewoh­ner des Ortes, zumeist Hir­ten, und sogar die drei Ver­wand­ten, die sich wie Köni­ge benah­men, loben­de Wor­te fan­den und dann sogar etwas schenkten.
Als das Paar, der Vater und Ehe­mann Joseph und sei­ne Ehe­frau und Mut­ter des Kin­des, das »Jesus« genannt wur­de, nach fast drei Jah­ren schließ­lich wie­der nach Naza­reth kamen, wur­de sie hier mit ihrem Kind ver­hei­ßungs­voll auf­ge­nom­men. Kei­ner hat­te mehr Fra­gen zur frü­he­ren Jung­fern­schaft der Mutter.
Nur einen Makel gab es doch: Die Fest­schrei­bung des Besit­zes in Beth­le­hem auf die Ver­wandt­schaft in Naza­reth gelang nicht; sonst wäre ihr Kind Jesus, der Erst­ge­bo­re­ne des Joseph und der Maria, spä­ter ein Groß­grund­be­sit­zer mit Tage­löh­nern gewor­den und nicht, wie sei­ne Anhän­ger spä­ter behaup­te­ten und heu­te noch sin­gen, der Erret­ter der Welt, der, wie die Gro­ßen der Welt­ge­schich­te, Kai­ser Augu­stus vor allen, von einer Jung­frau, »das ist wahr«, gebo­ren wurde!

Nach­wort:
Die Weih­nachts­le­gen­den (also die bekann­ten Weih­nachts­ge­schich­ten: »Es begab sich aber zu der Zeit …«), die seit min­de­stens 1700 Jah­ren in der »Weih­nachts­zeit« welt­weit ver­brei­tet wer­den, und zwar in der Regel so, als wären sie histo­risch ganz authen­tisch, fin­den sich im Neu­en Testa­ment nur in den Evan­ge­li­en Mat­thä­us (1 + 2 Kap.) und Lukas (1 + 2 Kap.) und dazu der »Stamm­baum Jesu« (Kap. 3). Das älte­ste Evan­ge­li­um, das von Mar­kus, ca. 60-70 n. Chr. geschrie­ben, das von Mat­thä­us und Lukas für ihren Auf­riss benutzt wur­de, kennt die Weih­nachts­ge­schich­ten eben­so wenig wie das 4. Evan­ge­li­um, das Johannesevangelium.
Neben vie­len Unge­reimt­hei­ten zur Her­kunft Jesu, die z. B. beim Ver­glei­chen des »Stamm­baums Jesu« bei Mat­thä­us und Lukas jedem Leser auf­fal­len müss­ten, hat z. B. die Geschich­te vom angeb­li­chen »Kin­der­mord des Hero­des« aller Erkennt­nis nach nie stattgefunden.