Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Kinder von Adamstal

Wir Kin­der in Adams­tal hiel­ten es für nor­mal, dass wir den gan­zen Som­mer über bar­fuß zur Schu­le gin­gen. Schu­he wur­den in den 1920er und 30er Jah­ren erst ange­zo­gen, wenn der Erd­bo­den so kalt war, dass es weh tat. Das war etwa ab Mit­te Sep­tem­ber der Fall, wenn auf den Fel­dern die ersten Kar­tof­fel­feu­er qualm­ten und die Kühe zur Wei­de aus dem Stall muss­ten. Schu­he für den Som­mer hat­ten die wenig­sten von uns.

Der Name unse­res klei­nen Hei­mat­or­tes deckt sich mit dem des gleich­na­mi­gen Tales, des­sen Ver­lauf von der Aupa bestimmt wird, einem Neben­fluss der Elbe. Bei­de ent­sprin­gen nahe der Schnee­kop­pe im Rie­sen­ge­bir­ge. Das Aupa­tal ist Schau­platz des Romans Babič­ka (Die Groß­mutter), mit dem Bože­na Něm­co­vá 1855 als Begrün­de­rin der tsche­chi­schen Natio­nal­kul­tur welt­be­rühmt wur­de. Der Name geht auf den ihres Man­nes Josef Němec zurück, was über­setzt der Deut­sche heißt

Über Armut mach­ten wir uns in der ein­sa­men Gegend an der Sprach­gren­ze kei­ne Gedan­ken. Den tsche­chi­schen Kin­dern ging es nicht bes­ser als den deut­schen. Mei­ne jün­ge­re Schwe­ster Mar­git und ich fühl­ten uns allen­falls dadurch etwas benach­tei­ligt, dass unser Vater nicht bei sei­ner Fami­lie wohn­te, son­dern bei einer ande­ren Frau in der Stadt. Die Eltern leb­ten seit Jah­re getrennt.

Mein Vater hat­te sich nach Abschluss sei­ner Leh­re als Gärt­ner der Poli­tik zuge­wandt und ent­wickel­te als kom­mu­ni­sti­scher Redak­teur und Par­tei­se­kre­tär in Nord­böh­men eine beträcht­li­che Akti­vi­tät, wie eine deutsch-tsche­chi­sche Histo­ri­ke­rin spä­ter in den Akten des tsche­chi­schen Natio­nal­ar­chivs fest­stel­len konn­te. Er über­warf sich jedoch 1929 poli­tisch mit sei­ner Par­tei, weil er nicht damit ein­ver­stan­den war, bei einem Streik not­falls auch Gewalt anzu­wen­den, und wur­de auf die Stra­ße gesetzt. Doch sein Bekennt­nis zur kom­mu­ni­sti­schen Idee wur­de davon nicht berührt. Zur Zeit der Welt­wirt­schafts­kri­se, da Arbeits­plät­ze rar waren, fand so einer wie er nur schwer eine neue Verdienstmöglichkeit.

Unse­ren arbeits­lo­sen Vater sahen wir nur alle zwei Wochen, wenn er mit zwei Akten­ta­schen voll mit Lebens­mit­teln kam, die er mit Gut­schei­nen der Sozi­al­für­sor­ge in der Kreis­stadt gekauft hat­te. Mei­ner Schwe­ster schmeck­te die mit­ge­brach­te But­ter nicht, da sie an die bil­li­ge Mar­ga­ri­ne gewöhnt war.

Des­we­gen, aber auch aus ande­ren Grün­den, gab es bei den Besu­chen des Vaters jedes Mal Streit. Unser Vater mein­te, wir sähen so schlecht aus, weil Mama und Oma uns falsch ernähr­ten. Er bat den ein­zi­gen Arzt, den es weit und breit gab, in Adams­tal nach dem Rech­ten zu sehen. Der schrieb dem »sehr geehr­ten Herrn Redak­teur«, die Groß­mutter habe sich geäu­ßert, sie hät­ten nicht ein­mal Mit­tel, um Kar­tof­feln zu kau­fen. »Es kann sich somit nicht allein um unzweck­mä­ßi­ge Ernäh­rung, son­dern um beträcht­li­che Unter­ernäh­rung han­deln, wofür auch das Aus­se­hen spricht.«

Die­sen Brief leg­te unser Vater der deut­schen Jugend­für­sor­ge in Trau­ten­au vor, die ihm dar­auf­hin »im Inter­es­se der armen Kin­der« wei­te­re Lebens­mit­tel­kar­ten bewil­lig­te. Czech-Kar­ten hie­ßen die­se Gut­schei­ne, benannt nach dem deut­schen Sozi­al­mi­ni­ster in der tsche­chi­schen Pra­ger Regie­rung, der wäh­rend der Nazi­herr­schaft als ver­folg­ter Jude in The­re­si­en­stadt zu Tode kam.

Zu den lästi­gen Pflicht­auf­ga­ben von Mar­git und mir gehör­te es, wäh­rend des Som­mers mit Oma im Wald Brenn­holz für den Win­ter zu sam­meln, das gemein­hin als Die­bes­gut galt. Ein­ge­wickelt in einen alten Sack lag eine Hand­sä­ge auf dem Boden von Omas Rücken­korb. mit der wir den einen oder ande­ren ver­dorr­ten Baum in Stücke zer­leg­ten. Oben­drauf pack­te Oma einen Berg ver­trock­ne­ter Zwei­ge. Begeg­ne­ten wir auf dem Heim­weg dem För­ster, hob er den Korb mit zwei Fin­gern an und frag­te streng: »Na, Frau Sedllat­schek, wie­der nur Rei­sig im Korb?« Dabei erkannt er schon am Gewicht, was unter dem Berg von ver­trock­ne­ten Ästen lag.

Wurst und Fleisch gab es bei uns zu Hau­se nur ein­mal in der Woche. Die Wurst kam am Frei­tag auf den Tisch, wenn Mama ihren Wochen­lohn bekam. Sie hat­te, wie damals üblich, kei­nen Beruf erlernt und arbei­te­te in einer Flach­garn­spin­ne­rei als Hilfs­ar­bei­te­rin. Auf dem Heim­weg von der Arbeit erle­dig­te sie am Frei­tag die Ein­käu­fe für das Wochen­en­de. Den Sonn­tag erkann­te man in Adams­tal dar­an, dass aus den geöff­ne­ten Fen­stern die Fleisch-Klop­fer zu hören waren, mit denen Schnit­zel oder Kote­letts mür­be geklopft wurden.

Sehr viel üppi­ger haben wir auch wäh­rend der Nazi­zeit nicht gelebt. Mein Vater hät­te 1938 nach Eng­land emi­grie­ren kön­nen. Der Kin­der wegen, wie er sag­te, blieb er im Lan­de, auf Schritt und Tritt beob­ach­tet und über­wacht von den brau­nen Bon­zen. Mit einem Monats­ge­halt von 100 Mark brut­to fand er am 1. Mai 1939 in der Kreis­stadt Trau­ten­au (Trut­nov) als admi­ni­stra­ti­ve Hilfs­kraft Unter­schlupf bei der deutsch-öster­rei­chi­schen Bau­fir­ma Pit­tel und Brau­se­wet­ter. Dank der »Schirm­herr­schaft« des ita­lie­ni­schen Chefs konn­te er sich dort hal­ten bis zum Ende des Krieges.

Ich selbst bekam als Schü­ler am Wirt­schafts­gym­na­si­um in Trau­ten­au immer wie­der das Miss­ver­gnü­gen der Nazi­leh­rer zu spü­ren. Sie woll­ten sich nicht damit abfin­den, den Sohn eines alten Kom­mu­ni­sten unter­rich­ten zu müs­sen. Wenn ich an der Halt­stel­le Bausnitz aus dem Zug stieg, zog ich als erstes mei­ne Schu­he aus und leg­te den rest­li­chen Weg nach Adams­tal wie gewohnt bar­fuß zurück.