Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Gemüse und Gentrifizierung

Am letz­ten Tag wer­den nur noch die Reste ver­kauft oder ver­schenkt. Vie­le Umar­mun­gen und gute Wün­sche. Ein gro­ßer Abschied. Trä­nen flie­ßen, von Erwach­se­nen und Kin­dern: Der klei­ne Obst- und Gemü­se­la­den in mei­nem Vier­tel, der Laden von Sham­si Khelg­ha­ti und ihrem Sohn Far­shid, ist Geschichte.

Der Laden: 33,7 Qua­drat­me­ter groß, ohne Hei­zung, das Klo auf dem Hof. Vor genau zehn Jah­ren gemie­tet für zunächst 1515 Euro plus Neben­ko­sten, zuletzt sogar für 1800 Euro. Also für mehr als 50 Euro den Qua­drat­me­ter. Ende Juni ist der Zehn­jah­res­ver­trag aus­ge­lau­fen und allen Bit­ten um eine Ver­län­ge­rung wur­de von der Ver­mie­te­rin nur eine kal­te Abfuhr erteilt. Sie will mehr Mie­te, hat sie mit­ge­teilt, aber auch wenn Sham­si Khelg­ha­ti und Far­shid die gewünsch­te Miet­erhö­hung zah­len wür­den, sei­en sie nicht mehr erwünscht: Die Ver­mie­te­rin möch­te, so war der Ton­la­ge ihres Ableh­nungs­schrei­bens zu ent­neh­men, nicht län­ger einen etwas schmud­de­li­gen Gemü­se­la­den in ihrer Immo­bi­lie. Sie will reno­vie­ren und dann sicher etwas Schicke­res. Viel­leicht eine Espres­so-Lat­te-Mac­chia­to-Bar? Oder einen Bio­wein-Laden für Bes­ser­ver­die­nen­de? Oder eine Trat­to­ria del Pesce mit Oli­ven­öl und hand­ge­rühr­tem Pesto. Was mein gen­tri­fi­zier­tes Vier­tel mit sei­ner über­wie­gend grü­nen Wäh­ler­schaft eben so braucht …

Jetzt, wo die Rega­le in dem Obst- und Gemü­se­la­den leer sind, sieht man ihre Schä­big­keit, ihr Alter. Schon der Vor­mie­ter, eben­falls ein Obst- und Gemü­se­händ­ler, hat­te sie genutzt und sich für die­se Rega­le, für die abge­nutz­te Kühl­the­ke und für einen längst defek­ten Gemü­se­kühl­schrank eine fünf­stel­li­ge Ablö­se bezah­len las­sen. Die nun auch ver­lo­ren ist.

Der All­tag von Sham­si und Far­shid Khelg­ha­ti in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren: 14, 15, 16 Stun­den Arbeit am Tag. Groß­markt, Anlie­fe­rung, Ver­kauf, fri­sche Säf­te mixen, auf­räu­men … Vie­le Tage im Jahr wegen der feh­len­den Hei­zung in eisi­ger Käl­te hin­ter der The­ke ste­hen. Und dabei immer freund­lich sein.

Doch trotz aller Schuf­te­rei. Für eine neue Ein­rich­tung des Ladens oder gar für Rück­la­gen hat es schon wegen der Mie­te nie gereicht. Nur für das täg­li­che Überleben.

Nun ist der Laden weg. Ein neu­es Laden­lo­kal in der Nähe haben Sham­si Khelg­ha­ti und Far­shid nicht gefun­den. Und unser Vier­tel wird schon wie­der ärmer: Ärmer an einem per­sön­lich geführ­ten Geschäft. Ärmer an Far­big­keit. Ärmer an einer klei­nen chao­ti­schen Insel inmit­ten der toten Öde der Per­fek­ti­on. Ärmer an einer Alter­na­ti­ve zu den Super­markt­ket­ten, die alles domi­nie­ren. Oder zu den Life­style-Bio-Manu­fak­tu­ren für das Lebens­ge­fühl der grü­nen Mittelschicht.

Ver­mie­te­rin des ehe­ma­li­gen Laden­lo­kals von Sham­si Khelg­ha­ti und Far­shid ist übri­gens Maria Jani­na Zings­heim, per­sön­lich haf­ten­de Gesell­schaf­te­rin der Zings­heim Asset Manage­ment KG in Hach­en­burg. Ich fin­de, man muss die Namen der Ver­ant­wort­li­chen nennen.