Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Jagdgenossinnen auf die Macht

Die teils hit­zi­gen Debat­ten über Gen­der Diver­si­ty oder Fema­le Lea­dership haben sicher dazu bei­getra­gen, die fort­be­stehen­de Ungleich­be­rech­ti­gung der Frau­en in unse­rer Wer­te­ge­mein­schaft bewuss­ter zu machen. Aller­dings geht es bei die­ser Art von »Gen­dern« nicht wirk­lich – wie man­che glau­ben – um die Durch­set­zung der Anglei­chung von Löh­nen und Gehäl­tern berufs­tä­ti­ger Frau­en an die der Män­ner. Oder nicht um die recht­li­che und mate­ri­el­le Bes­ser­stel­lung allein­er­zie­hen­der und oft bedrücken­der Armut aus­ge­lie­fer­ter Müt­ter. Es geht, wie auch die neue­ste Gesetz­ge­bung, das im Juni 2021 vom Bun­des­tag beschlos­se­ne »zwei­te Füh­rungs­po­si­tio­nen-Gesetz« für bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men, um ein höchst inter­nes Eli­ten-Pro­blem. Erhöht wer­den soll der Anteil der Frau­en in den unver­schämt hoch hono­rier­ten Ent­schei­dungs­gre­mi­en der Groß­wirt­schaft. In den Auf­sichts­rä­ten von Groß­un­ter­neh­men hat sich das aus 2015 stam­men­de erste Gesetz dazu schon bewährt. Für die Vor­stän­de von Bör­sen­un­ter­neh­men wur­de nun noch ein­mal vor­sich­tig nachgelegt.

Doch Fema­le Lea­dership hat nichts mit dem Kampf um die Über­win­dung der Armut zu tun, die mit Recht als weib­lich bezeich­net wird. Es geht auch nicht um die Gleich­stel­lung der Geschlech­ter in Wirt­schaft und Gesell­schaft ins­ge­samt, son­dern um ein moder­nes Refeu­da­li­sie­rungs­pro­gramm. Es geht um eine Gleich­stel­lung von Her­ren und Her­rin­nen. Ein offen­sicht­lich ein­fluss­rei­cher Lob­by­istin­nen­ver­band namens FidAR (Kür­zel für »Frau­en in die Auf­sichts­rä­te«) kann hier schon auf eini­ge Erfol­ge ver­wei­sen. Hoch qua­li­fi­zier­te Frau­en wol­len ihren Anteil an den über­be­zahl­ten Jobs in den nach mehr als 70 Jah­ren Grund­ge­setz noch immer von Män­nern domi­nier­ten »Herr­schafts­be­rei­chen«. Die Kon­flikt­li­nie ver­läuft nicht all­ge­mein zwi­schen Mann und Weib, Arbei­tern und Arbei­te­rin­nen, son­dern zwi­schen pri­vi­le­gier­ten Her­ren und pri­vi­le­gier­ten Damen, also Her­rin­nen, die eben­falls nach ganz oben wol­len. Es geht nicht um die Über­win­dung von Armut, son­dern um die Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen männ­li­chen und weib­li­chen Eli­ten hoher Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­klas­sen; um ein Stück von dem ganz gro­ßen Geld- und Machtkuchen.

Das Armuts­pro­blem von Frau­en, wie übri­gens das von Män­nern, das es ja auch noch gibt, bleibt von die­sen Macht- und Kas­sen­kämp­fen aller­dings völ­lig unbe­rührt. Es dreht sich bei die­ser spe­zi­fi­schen Gen­der­de­bat­te um die Über­win­dung der ungleich ver­teil­ten Ver­fü­gungs­ge­walt in den (trotz Mit­be­stim­mung) system­be­dingt demo­kra­tiefrei­en Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten. Und damit auch um die Gleich­ran­gig­keit der Her­ren und Her­rin­nen im Bereich des Letzt-Ent­schei­dungs­rechts der Berei­che pri­va­te Kapi­tal­ver­wer­tung und pri­va­te Aneig­nung gesell­schaft­li­chen Reich­tums. War­um rei­te ich auf »Her­ren und Her­rin­nen« her­um? Als noch mit­tel­hoch­deutsch gespro­chen wur­de, galt das System des Feu­da­lis­mus, eine auf dem Lehns­recht auf­ge­bau­te Wirt­schafts- und Gesell­schafts­form, in der alle Herr­schafts­funk­tio­nen von der über den Grund­be­sitz ver­fü­gen­den ari­sto­kra­ti­schen Ober­schicht aus­ge­übt wer­den. Leib­ei­ge­ne und höri­ge Unter­ta­nen muss­ten Fron­dien­ste lei­sten, also Her­ren­dien­ste. Auch für die ade­li­ge ver­hei­ra­te­te Frau, die als Frou­we ange­spro­chen wur­de. Das bedeu­tet Her­rin. Der Ver­tre­ter des spä­ter an die Macht und zur Herr­schaft gelang­ten Bür­ger­tums, zumal der spie­ßi­ge Klein­bür­ger, der dem Groß­bür­ger an Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit nicht nach­ste­hen woll­te, trat natür­lich gern in die Fuß­stap­fen des Edel­manns und nann­te sich eben­falls Herr. Die Dame an sei­ner Sei­te durf­te sich wie­der als Her­rin füh­len und die Dienst­mäg­de muss­ten sie nicht sel­ten als »gnä­di­ge Frau« anspre­chen. Die unter der neu­en, der bür­ger­li­chen »Klas­sen­herr­schaft« aus­ge­beu­te­te, in struk­tu­rel­ler Armut, in Elend und Unwis­sen­heit gehal­te­ne Mas­se der befrei­ten Höri­gen und Leib­ei­ge­nen wur­de zu abhän­gi­gen Lohn­ar­bei­tern. Soweit sie sich danach als Arbei­ter­klas­se orga­ni­siert und zum Ziel gesetzt hat­ten, die aus­beu­te­ri­sche Bour­geoi­sie durch Ent­eig­nung zu ent­mach­ten, ver­stan­den sie sich als Pro­le­ta­ri­er und Pro­le­ta­rie­rin­nen und nann­ten sich unter­ein­an­der Genos­sen und Genos­sin­nen. Sie taten dies im Bewusst­sein, gemein­sam für das heh­re Ziel zu kämp­fen, das die bür­ger­li­chen Revo­lu­tio­nä­re einst den Armen der gan­zen Welt ver­spro­chen hat­ten, aber, kaum zur Macht gekom­men, hem­mungs­los ver­rie­ten: »Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit« und die all­ge­mei­nen Men­schen­rech­te. Auch für die Frauen.

Der Sozi­al­de­mo­krat August Bebel, der die sei­ner­zeit noch mar­xi­sti­sche SPD führ­te, schrieb im Gefäng­nis sein bis heu­te lesens­wer­tes Buch: »Die Frau und der Sozia­lis­mus«. Bebel hat­te die Schwe­ster­lich­keit nicht ver­ges­sen. In sei­nem Buch ist zu lesen, was einst die SPD aus­mach­te und ihr Stim­men, auch Frau­en­stim­men, brach­te: »Die vol­le Eman­zi­pa­ti­on der Frau und ihre Gleich­stel­lung mit dem Mann ist eins der Zie­le unse­rer Kul­tur­ent­wick­lung, des­sen Ver­wirk­li­chung kei­ne Macht der Erde zu ver­hin­dern ver­mag. Aber sie ist nur mög­lich auf­grund einer Umge­stal­tung, wel­che die Herr­schaft des Men­schen – also auch des Kapi­ta­li­sten über den Arbei­ter – auf­hebt. Jetzt erst wird die Mensch­heit zu ihrer höch­sten Ent­fal­tung gelan­gen.« (Bebel, Die Frau, Frank­furt a. M. 1977, S. 522)

Um die­ses Ziel zu errei­chen, genüg­te das Frau­en­wahl­recht nicht. Auch nicht die pari­tä­ti­sche Beset­zung von Auf­sichts­rä­ten und Vor­stän­den mit Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern, die nach den Erfah­run­gen mit dem von Wirt­schafts­eli­ten unter­stütz­ten Natio­nal­so­zia­lis­mus gegen das Groß­ka­pi­tal durch­ge­setzt wur­de. Und es wird sich auch nichts ändern, wenn künf­tig aus­schließ­lich Frau­en in Auf­sichts­rä­ten und Vor­stän­den die Geschäf­te der Inve­sto­ren betrei­ben. Die jüng­sten Debat­ten und Geset­zes­än­de­run­gen, so erfreu­lich sie für Eli­te­frau­en sein mögen, sind für die Armuts­pro­ble­me der Frau­en, die objek­tiv der Arbei­ter­klas­se ange­hö­ren, die wei­ter­hin nur die Wahl haben, ihre Arbeits­kraft an einen »Arbeit­ge­ber« oder eine »Arbeit­ge­be­rin« zu ver­kau­fen, allen­falls mittelbar.

Frei gewähl­te Gesetz­ge­ber kapi­ta­li­sti­scher Demo­kra­tien kön­nen übri­gens kei­ne Garan­tie geben, dass Löh­ne und Gehäl­ter, wenn sie denn etwas erhöht wer­den, nicht gleich wie­der von den Rei­chen und denen, die schnell reich wer­den wol­len, durch stra­te­gi­sche Preis­stei­ge­run­gen in Umsatz und Pro­fi­te ver­wan­delt wer­den. Denn die mäch­ti­gen »Rei­chen und die Super­rei­chen« (ich emp­feh­le den 1969 bei Hof­mann und Cam­pe erschie­nen Klas­si­ker des US-Ame­ri­ka­ners Fer­di­nand Lundberg), haben schon immer ganz ande­re Sor­gen, näm­lich sich über­all in der Welt dar­um zu küm­mern, dass ihr Pre­sti­ge, ihr Ein­fluss auf Staa­ten, Par­tei­en, Poli­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler, Medi­en und natür­lich ihre Pro­fi­te stei­gen, dass also auch die lei­di­gen Arbeits­ko­sten (ein­schließ­lich der Lohn­ne­ben­ko­sten) gesenkt werden.

Nach dem zwar nicht tota­len, aber doch fata­len Sieg des Kapi­tals über die Arbeit, der ja nicht nur über den Ost­block­kom­mu­nis­mus, son­dern auch über die reform­so­zia­li­sti­schen Arbei­ter­be­we­gun­gen des frei­en Westens errun­gen wur­de, schä­men sich die par­la­men­ta­ri­schen Hand­lan­ger und öffent­li­chen Sprach­roh­re der Rei­chen und der Super­rei­chen nicht ein­mal, wei­ter­hin den Anti­kom­mu­nis­mus zu schü­ren, wohl wis­send, dass er auch eine der stärk­sten Wur­zeln des Anti­se­mi­tis­mus ist. War­um? Weil sie ver­hin­dern wol­len, dass »bei denen da unten« noch ein­mal ein revo­lu­tio­nä­res oder auch nur reform­so­zia­li­sti­sches Klas­sen­be­wusst­sein ent­steht. Für ihren Eigen­tums­schutz vor Sozi­al­ro­man­ti­kern, Sozia­li­sten und Kom­mu­ni­sten, Pro­test-, Reform- und öko­lo­gisch argu­men­tie­ren­den »Ver­bot­s­par­tei­en« hält sich die­se Klas­se frei­heit­li­che Demo­kra­tien, die sie vor der über­fäl­li­gen Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft schüt­zen; inve­stiert sie in gewerk­schafts­feind­li­che Fir­men, aber auch rech­te Dik­ta­tu­ren, die ihnen Bil­ligst­lohn­ar­beit garan­tie­ren; ver­übt sie, um Steu­er-, Sozi­al- und Umwelt­schutz­ko­sten zu sen­ken, skru­pel­lo­se Wirt­schafts­ver­bre­chen, von denen »Die­sel­ga­te«, der »Cum-Ex-Steu­er­coup« und »Wire­card« nur die Spit­zen eines monu­men­ta­len Eis­ge­bir­ges sind.

Ich kann das The­ma »kri­mi­nel­le Öko­no­mie« hier nicht ver­tie­fen. In der Armuts­for­schung spielt es lei­der noch kei­ne Rol­le. Ich emp­feh­le aber, die Bücher des Schwei­zer UNO-Beauf­trag­ten Jean Zieg­ler zu lesen, der nach den Grün­den für den Hun­ger forscht, die Ursa­chen für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ergrün­det. Er ver­mit­telt seit Jahr­zehn­ten eine rea­li­sti­sche Vor­stel­lung von den glo­ba­len Aus­ma­ßen und Schrecken des­sen, was er als »kan­ni­ba­li­sche Welt­ord­nung« cha­rak­te­ri­siert. Es ist zum Bei­spiel die Ord­nung von Mul­ti-Mil­li­ar­där War­ren Buf­fet, von dem fol­gen­des Zitat über­lie­fert ist: »Es herrscht Klas­sen­krieg, rich­tig, aber es ist mei­ne Klas­se, die Klas­se der Rei­chen, die Krieg führt, und wir gewin­nen.« Letz­ter Zweck die­ses Klas­sen­sy­stem ist es, die kapi­ta­li­sti­sche Frei­heit vor all jenen zu ver­tei­di­gen, die sie mit dem Ziel zu über­win­den ver­su­chen, die Armut und das Elend zu been­den. Wird sich das ändern, wenn mehr Frau­en in den system­re­le­van­ten Auf­sichts­rä­ten und Vor­stän­den der Kon­zer­ne sit­zen? Ich möch­te es glau­ben können.