Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Werte und ihr Wert

Was ist mei­ne Lebens­ver­si­che­rung mor­gen noch wert? Was mein Haus? Was mei­ne Akti­en? In wel­che Wer­te kann ich inve­stie­ren, um mich vor einem Ver­lust von Wer­ten zu schüt­zen? Um mei­ne Ren­te zu sichern. Oder die Aus­bil­dung mei­ner Kin­der. In Gold viel­leicht? In Roh­stof­fe oder in Nah­rungs­mit­tel? In Kunst? Was ist, wenn sicher geglaub­te »Wert­an­la­gen« sich plötz­lich als »wert­los« her­aus­stel­len? Weil »der Markt« oder der Hype in eine ande­re Rich­tung lau­fen? Pfle­ge­im­mo­bi­li­en statt Acker­land. Kup­fer statt Getrei­de. Palm­öl statt Soja­boh­nen. Wel­chen Wert etwa wird der Regel­satz von Hartz IV mor­gen noch haben, wenn die infla­tio­nä­ren Schü­be der näch­sten inter­na­tio­na­len Finanz­kri­se den Ver­brau­cher­markt erreicht haben? Wenn Preis­stei­ge­run­gen den Wert der all­täg­li­chen Din­ge unver­se­hens explo­die­ren lassen?

Hin­ter all dem steht natür­lich eine ande­re Fra­ge: Wor­in besteht über­haupt die­ser »Wert«? Er macht mir die Din­ge ver­füg­bar oder uner­reich­bar, je nach dem Wert, den sie haben. Oder der ihnen über die Nach­fra­ge gege­ben wird. Einer­seits scheint der Wert den Din­gen unver­äu­ßer­lich anzu­haf­ten wie ein Preis­schild. Ande­rer­seits aber ver­flüch­tigt er sich über Nacht wie ein Gespenst, indem er bestimm­te Wer­te ins Boden­lo­se fal­len, ande­re dafür in astro­no­mi­sche Höhen stei­gen lässt. Ein Schre­ber­gar­ten bei­spiels­wei­se mag zu bestimm­ten Zei­ten kaum mehr als ein belä­chel­tes Hob­by sein. In Zei­ten sprung­haf­ter Infla­ti­on trägt sei­ne Ern­te zur Lebens­grund­la­ge bei, ist sein Wert unermesslich.

Nie­mand kann jeden­falls vor­aus­se­hen, in wel­cher Wei­se sich Wert­grö­ßen in Zukunft ver­tei­len wer­den. Das Gespenst des Werts ist unbe­re­chen­bar; und des­halb nimmt sich das Geschäft der Anla­ge­be­ra­ter auch wie eine Gei­ster­be­schwö­rung aus. Die Finanz­wirt­schaft besteht gewis­ser­ma­ßen aus magi­schen Prak­ti­ken: Sie demon­striert, wie unauf­ge­klärt es in unse­ren auf­ge­klär­ten Zei­ten zugeht, wie groß der Schrecken geblie­ben ist, mit dem die von der Pro­fit­gier erschaf­fe­nen Markt-Gespen­ster den All­tag der Leben­den heimsuchen.

Sind die Wer­te also blo­ße Ein­bil­dung, blo­ße Schätz­wer­te von Markt­teil­neh­mern? Oder sind sie objek­ti­ve Grö­ßen, die sich furcht­bar rächen, sobald eine Spe­ku­la­ti­on meint, sie miss­ach­ten zu kön­nen? Spe­ku­la­tio­nen kön­nen den Wert zu einem Ver­mö­gen stei­gern oder ihn ins Boden­lo­se fal­len las­sen. Unver­se­hens jeden­falls führt eine Kri­se auf den so genann­ten »Boden der Tat­sa­chen« zurück. Und die­ser Befund wäre para­dox. Er besagt, dass die Wirk­lich­keit der Gespen­ster bedarf, um sich in Erin­ne­rung zu rufen.

Nicht weni­ger steht des­halb mit den Wer­ten auf dem Spiel als das, was man mit eini­ger Nai­vi­tät »Rea­li­tät« nennt. Grund genug, das Ver­hält­nis der Gespen­ster und der Wirk­lich­kei­ten völ­lig neu zu bestim­men, anstatt es wei­ter­hin frag­los hin­zu­neh­men wie ein anony­mes Verhängnis.