Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Leider zu teuer: Menschliche Medizin

Vier­zig Jah­re lang habe ich als Arzt gear­bei­tet und in die­ser Zeit viel erlebt: Oft konn­te ich hel­fen, immer wie­der war ich auch macht­los. Unge­zähl­te Pati­en­ten haben mein Leben berei­chert, eini­ge wur­den Freunde.

In die­sen vier Jahr­zehn­ten hat die Medi­zin gewal­ti­ge Fort­schrit­te gemacht. Das Wis­sen in den Arzt- und Heil­be­ru­fen hat sich um ein Viel­fa­ches ver­mehrt. Wir kön­nen immer mehr Krank­hei­ten immer bes­ser bekämp­fen. Doch dies ist nur die eine Sei­te des Fort­schritts. Die ande­re Sei­te gibt weit weni­ger Anlass zu Eupho­rie. Das Medi­zin­sy­stem steht unter öko­no­mi­schem und büro­kra­ti­schem und zeit­li­chem Druck. Mit der Erfin­dung der Fall­pau­scha­len ist die Markt­wirt­schaft in die Kran­ken­häu­ser eingezogen.

Die Fall­pau­scha­le ist die Ver­gü­tung einer defi­nier­ten Erkran­kung und deren Behand­lung in einer fest kal­ku­lier­ten Zeit. Gilt sie zum Bei­spiel bei der Krank­heit X für fünf Tage und der Pati­ent braucht aber sie­ben Tage, um gesund oder guten Gewis­sens nach Hau­se ent­las­sen zu wer­den, bedeu­tet das für ein Kran­ken­haus ab dem sech­sten Tag rote Zah­len. Wes­we­gen der Pati­ent mög­lichst schon am fünf­ten Tag wie­der gehen muss. Oder ein ande­rer schon am drit­ten, damit sich die Kosten aus­glei­chen. Alle Pati­en­ten wer­den also nur noch nach der für sie vor­han­de­nen Fall­pau­scha­le betrach­tet. Wes­we­gen es zum Bei­spiel anders als frü­her auch nicht mehr mög­lich ist, einen alten Men­schen mit ver­schie­de­nen Erkran­kun­gen zu einer Gesamt­un­ter­su­chung ins Kran­ken­haus ein­zu­wei­sen. Was bei geh­be­hin­der­ten oder bett­lä­ge­ri­gen Pati­en­ten die ein­zi­ge Mög­lich­keit wäre, diver­se Arzt­be­su­che mit Kran­ken­trans­por­ten zu ver­mei­den. Ein Ver­fah­ren, das nicht nur auf­wän­di­ge (und unge­wis­se) Geneh­mi­gun­gen der Kran­ken­kas­sen vor­aus­setzt, son­dern auch extrem bela­stend für den Pati­en­ten ist und zudem eine Gesamt­be­trach­tung des Kran­ken und den Aus­tausch zwi­schen den Fach­rich­tun­gen unmög­lich macht. Auch wegen der Fall­pau­scha­len erhal­ten gesetz­lich ver­si­cher­te alte oder schwer­kran­ke Men­schen kaum noch eine rich­ti­ge ärzt­li­che Ver­sor­gung. Das lässt sich nur noch für Pri­vat­pa­ti­en­ten regeln – wenn sie mehr haben als eine pri­va­te Zusatzversicherung.

Pri­va­te und öffent­li­che Kran­ken­häu­ser kon­kur­rie­ren mit gefähr­li­chen Ein­spa­run­gen am Pati­en­ten um Gewin­ne. Und die Pflicht zu aus­ufern­den Doku­men­ta­tio­nen über die Ein­hal­tung der kal­ten Regeln der Zah­len zwingt Ärz­te und Pfle­ge­per­so­nal, selbst zu Büro­kra­ten zu wer­den. Pfle­gen­de und Ärz­te haben immer weni­ger Zeit für die Pati­en­ten, denn Zeit schmä­lert den Pro­fit und wird des­halb nicht hono­riert. Zeit heißt Zuhö­ren und Ver­ste­hen. Zeit bedeu­tet, Nähe zu signa­li­sie­ren und Auf­ge­ho­ben­heit zu ver­mit­teln. Immer mehr Men­schen kla­gen über den Ver­lust die­ser geleb­ten Mensch­lich­keit im gesam­ten Gesund­heits­we­sen. Denn bei allen Fort­schrit­ten im Kampf gegen die Krank­heit haben wir den kran­ken Men­schen selbst ver­ges­sen. Dabei steht außer Zwei­fel: Hei­lung ist ohne Gesprä­che, ohne Empa­thie, ohne Wär­me kaum möglich.

Das Ungleich­ge­wicht könn­te nicht grö­ßer sein. Wäh­rend die Medi­zin­tech­no­lo­gie in einem atem­be­rau­ben­den Tem­po revo­lu­tio­nä­re Fort­schrit­te macht, schwin­det die Mensch­lich­keit, die spre­chen­de Medi­zin. Dabei ist es kein Geheim­nis, dass es nicht die Medi­zin­tech­no­lo­gie allein ist, die die Men­schen gesund macht. Auch mensch­li­che Zuwen­dung ist ein wich­ti­ger Fak­tor im Hei­lungs­pro­zess. Bei­de Kom­po­nen­ten soll­ten zuein­an­der in rich­ti­ger Bezie­hung stehen.

Wenn wir uns die Situa­ti­on in den Kran­ken­häu­sern und Arzt­pra­xen mit Hil­fe einer Waa­ge ver­deut­li­chen, so ist die eine Waag­scha­le, sagen wir die rech­te, voll bela­den. Es han­delt sich um die Fort­schrit­te in For­schung, Wis­sen­schaft, Tech­no­lo­gie, Phar­ma­zie, kurz: um die »moder­ne Medi­zin­tech­no­lo­gie«. Die­ser Sei­te haben wir viel zu ver­dan­ken. Aber hier steht allein der mecha­ni­sche Kampf gegen die Krank­heit im Vordergrund.

So sehr sich die rech­te Waag­scha­le füllt, so wenig fin­det sich in der lin­ken. Zwi­schen Hoch­lei­stungs­me­di­zin und der soge­nann­ten Wirt­schaft­lich­keit wur­de der kran­ke Mensch selbst, wur­de sei­ne See­le ver­ges­sen. Wäh­rend sich die Tech­nik auf die Krank­heit kon­zen­triert, hat sich das System von den Pati­en­ten ent­fernt und sie immer mehr ver­nach­läs­sigt. Die Kran­ken wur­den zu Kun­den gemacht, deren Ver­sor­gung sich eben meist nach der Höhe der Fall­pau­scha­len rich­tet. Und nicht nach ihren Vor­ge­schich­ten, Lebens­si­tua­tio­nen oder Gefühls­la­gen. Doch wenn wir den kran­ken Men­schen wirk­lich hel­fen wol­len, müs­sen wir auch wie­der die lin­ke Waag­scha­le beach­ten. Ihre Gewich­te aus medi­zi­ni­scher Sicht hei­ßen: Ver­ständ­nis, Respekt, Zeit, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Hilfs­be­reit­schaft, kurz: Mensch­lich­keit. Wenn die rech­te Waag­scha­le zu schwer wird und es an Mensch­lich­keit man­gelt, kommt es zu Fehl­be­hand­lun­gen, der Heil­erfolg wird gefährdet.

Aber ist Mensch­lich­keit in der Medi­zin noch zeit­ge­mäß? Die Ant­wort lau­tet ein­deu­tig: Ja! Sie ist so unver­zicht­bar wie eh und je. Wenn wir den Men­schen wie­der in den Mit­tel­punkt stel­len, wer­den wir erfolg­rei­cher und nach­hal­ti­ger hei­len. Mensch­lich­keit rech­net sich übri­gens auch bei stren­ger öko­no­mi­scher Betrach­tung: Wenn wir den gan­zen Men­schen behan­deln, haben wir am Ende nicht Zeit ver­lo­ren, son­dern gesun­de Lebens­zeit gewon­nen. Wir haben nicht mehr Geld aus­ge­ge­ben, son­dern Geld gespart. Lang­fri­sti­ge Hei­lung ist mit Mensch­lich­keit viel eher mög­lich. Und die setzt mehr Per­so­nal vor­aus. Eine Unter­be­set­zung im Pfle­ge­die­net von Kran­ken­häu­sern erhöht das Risi­ko schwe­rer Kom­pli­ka­tio­nen. Zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Stu­di­en zei­gen, dass Pfle­ge­kräf­te im Kran­ken­haus Sym­pto­me und Kom­pli­ka­tio­nen bei Pati­en­ten eher über­sehen, wenn sie über­la­stet sei­en. Was im Extrem­fall zum Tod des Pati­en­ten füh­ren kann.

Doch unge­rührt von allen Fak­ten wer­den klei­ne All­ge­mein­kran­ken­häu­ser in der Flä­che geschlos­sen (was auch für die Armen, die Hilf­lo­sen eine Kata­stro­phe ist) und die ande­ren (Groß)Krankenhäuser für Pro­fi­te und Ein­spa­run­gen umge­krem­pelt. Über­näch­tig­te Ärz­te, die wie Maschi­nen am Lauf­band ope­rie­ren müs­sen, über­la­ste­te Schwe­stern und Pfle­ger, über­for­der­tes exter­nes Hilfs­per­so­nal – wer soll sich da Zeit neh­men für ein Gespräch? Für den Men­schen hin­ter der Krank­heit? Durch den Manage­ment-Gedan­ken ver­schwin­det das nicht direkt Mess­ba­re der Mensch­lich­keit. Und damit ein wesent­li­cher Teil unse­res Sozialstaates.

 Wal­ter Möbi­us ist Arzt, Hoch­schul­pro­fes­sor und Buch­au­tor und war u. a. 24 Jah­re lang Chef­arzt der Inne­ren Abtei­lung am Bon­ner Johanniter-Krankenhaus.