Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zeitzeichen: Armutssafari

»Armut«, »Wut« »abge­häng­te Unter­schicht«, das sind fast nur noch for­mel­haf­te Begrif­fe, lee­re Schlag­wor­te. Gern und oft wer­den sie bemüht, kei­ne Wahl­ana­ly­se kommt ohne sie aus. Jedoch wird mei­stens über »Armut« von der hohen War­te gesi­cher­ter Ein­künf­te, guten Lebens­stan­dards aus doziert.

Das Buch »Armuts­sa­fa­ri«, geschrie­ben von Dar­ren McGar­vey, bie­tet statt­des­sen die direk­te Per­spek­ti­ve, die Spra­che des­sen, der weiß, wovon er redet. Der Bezugs­ort ist mei­stens die schot­ti­sche Stadt Glas­gow mit ihren sozia­len Pro­ble­men. Der Autor ver­zich­tet auf aka­de­mi­sche Defi­ni­tio­nen, wenn er erklärt: »In Gemein­den in ganz Groß­bri­tan­ni­en, in denen die Men­schen im unter­schied­li­chen Aus­maß einen Man­gel erle­ben, im Gesund­heits­we­sen, der Wohn­si­tua­ti­on und der Bil­dung, an Orten, wo die Men­schen effek­tiv vom poli­ti­schen Leben aus­ge­schlos­sen wer­den«, herr­sche Armut. In der Fol­ge wach­se dort die Wut.

Obwohl einer wie McGar­vey nach eige­ner Mit­tei­lung »eigent­lich« kei­ne Bücher schreibt, als Haupt­be­ruf gibt er Rap­per und Kolum­nist an, hat er eines ver­fasst, im Bewusst­sein, dass es »grö­ße­re Bücher über Armut« gibt als sei­nes. Nur habe er kei­nes davon gele­sen, teilt er am Ende der Ein­lei­tung, die einem Vor­wort folgt, mit. Das Fach­vo­ka­bu­lar aber beherrscht er den­noch unge­mein gut. Über­zeu­gungs­kraft ver­sucht er zu gewin­nen, indem er die Ana­ly­se des Lebens in der Unter­schicht mit sei­ner Fami­li­en­ge­schich­te, beson­ders der Tra­gö­die sei­ner Mut­ter, zu ver­knüp­fen trach­tet. Das ist zwar eine furcht­ba­re Chro­nik, aber sie wird nicht strin­gent erzählt, der Autor kommt dau­ernd auf ande­res zu spre­chen, wodurch das Buch mit­un­ter zer­fah­ren wirkt. Doch die manch­mal aus­ufern­den Betrach­tun­gen und ein gewis­ser Hang zur Wie­der­ho­lung schei­nen dem Sprech­ge­sang des Rap ver­wandt. Lebens­tra­gö­di­en der bri­ti­schen Unter­schicht liest man bei John Burn­si­de in »Lügen über mei­nen Vater« oder in den ande­ren Büchern sei­nes auto­bio­gra­fi­schen Schreib­pro­jekts genau­er und pointierter.

Was aber die Unter­su­chung des Lebens in Armut und sei­ner Erschei­nungs­for­men anlangt, so ist McGar­vey in man­chen Pas­sa­gen von außer­or­dent­li­cher Klar­heit, und man begreift, war­um die­ses Buch so hohe Aner­ken­nung im Feuil­le­ton oder von der Har­ry-Pot­ter-Mut­ter J. K. Row­ling erfuhr, die es für höchst aktu­ell, lei­den­schaft­lich und not­wen­dig hält.

Zudem scheut sich McGar­vey nicht, die übli­che Armuts­be­kämp­fungs­po­li­tik zu kri­ti­sie­ren. Etwa: Armut sei viel zu kom­plex, um die Ver­ant­wor­tung dafür allein »Kon­ser­va­ti­ven« oder »Eli­ten« zuschie­ben zu kön­nen. Oder: Armut sei zu einem Spiel gewor­den, das von kon­kur­rie­ren­den Teams gespielt wer­de. Und: »Ob es die Lin­ke ist, die den Rei­chen die Schuld gibt, oder die Rech­te, die den Armen die Schuld gibt, wir alle nei­gen dazu, uns nur für die hal­be Wahr­heit zu inter­es­sie­ren, die uns von der Ver­ant­wor­tung für das Pro­blem frei­spricht.« McGar­vey setzt fort: Es wer­de kaum über Empa­thie gere­det, Akti­vi­sten kehr­ten ihren Dro­gen­kon­sum und ihre psy­chi­schen Pro­ble­me unter den Tep­pich, Debat­ten zum Bei­spiel über Fress­sucht fän­den nicht statt. Es erschüt­tert dann sehr, den Autor weni­ge Sei­ten wei­ter zu einer sei­ner Fress­or­gi­en ins Fast-Food-Restau­rant zu »beglei­ten«. Das sind inten­si­ve, ehr­li­che Dar­stel­lun­gen, wie auch die Betrach­tun­gen über das Woh­nen, die ein­ge­schränk­ten Bil­dungs­mög­lich­kei­ten, und dar­über, wie Men­schen mund­tot gemacht wer­den. McGar­vey wagt es, Wider­sprü­che und Ambi­va­len­zen der Armuts­rea­li­tät und der Armuts­dis­kus­sio­nen zu benen­nen und ste­hen zu las­sen. Er zeigt, dass die Armuts­in­du­strie immer auch dar­auf aus­ge­rich­tet ist, die Jobs der Sozi­al­ar­bei­ter zu sichern, oder dass die­je­ni­gen, die ein Pro­blem haben, bei der Lösung nicht mit­re­den dürfen.

Es soll­te, wer sich mit dem The­ma »Armut« befasst, die­ses Buch lesen. Und zwar nicht, weil man dar­in bestä­tigt fin­det, was man als Erklä­rung sowie­so schon zu wis­sen glaub­te. Son­dern weil es imstan­de ist, lieb gewor­de­ne Denk­wei­sen zu unter­lau­fen. Näm­lich die, dass allein der Neo­li­be­ra­lis­mus die Wur­zel des Übels ist. Der Lin­ken dia­gno­sti­ziert McGar­vey Selbst­ge­fäl­lig­keit beim The­ma Armut und behaup­tet, dass das kapi­ta­li­sti­sche System trotz sei­ner Unge­rech­tig­keit und Wider­sprü­che die Frei­heit auch für jene gebracht hat, die es besei­ti­gen wollen.

»Wir (damit meint McGar­vey die so genann­te »Unter­schicht«) müs­sen der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Schuld an unse­ren per­sön­li­chen und poli­ti­schen Umstän­den auf die Buh­män­ner und Phan­tom­schur­ken zu schieben.«

 Dar­ren McGar­vey, Armuts­sa­fa­ri, Luch­ter­hand Lite­ra­tur­ver­lag 2019, 317 S., 15 €.